ESMA veröffentlicht European Common Enforcement Priorities 2022

Am 28. Oktober 2022 hat die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (European Securities and Markets Authority; ESMA) ihre europäischen Prüfungsschwerpunkte (common enforcement priorities) für das nachfolgende Kalenderjahr 2023, betreffend Abschlüsse gelisteter Unternehmen aus dem Kalenderjahr 2022, veröffentlicht. Das Public Statement ist unter folgendem Link (hier) zugänglich, die offizielle Presseerklärung ist hier abrufbar.

Die ESMA-Prüfungsschwerpunkte ergänzen – wie in den Vorjahren - die durch die nationalen Enforcer (in Deutschland die BaFin) gesetzten Schwerpunkte und sind für die Unternehmen daher von gleicher Relevanz wie die national spezifischen Prüfungsschwerpunkte.

Die Schwerpunkte der ESMA sind in drei Abschnitte aufgeteilt:

 

Ebenso fordert die ESMA Transparenz bei der Umsetzung von IFRS 17 und verweist auf die Erwartungen und Empfehlungen bezüglich der Angaben im Jahresabschluss 2022, wie sie in der im Mai 2022 veröffentlichten Stellungnahme der ESMA dargelegt sind.

European common enforcement priorities

Die europäischen Prüfungsschwerpunkte bezogen auf IFRS Abschlüsse im Jahr 2022 (Abschnitt 1) sind folgende (es wird nur ein Auszug der sehr umfangreichen Schwerpunkte dargestellt, für eine vollständige Erläuterung wird auf die ESMA-Publikation verwiesen):

Klimabezogene Themen

Hinsichtlich der Erwartung an die Behandlung von klimabezogenen Risiken im Abschluss wird auf die Vorjahres-Schwerpunkte verwiesen (diese finden Sie hier). Neben der Berücksichtigung klimawandelbedingter Risiken bei der Erstellung und Prüfung des Geschäftsberichts, soweit diese einen wesentlichen Einfluss haben, ist auf eine Konsistenz zwischen den Angaben im (Konzern-)Lagebericht zu klimabezogenen Angelegenheiten und daraus entstehender Risiken und Chancen zu den Ermessensentscheidungen und Schätzungen im IFRS-Anhang nach IAS 1.122-.133 zu achten. Enforcer können veröffentlichte Zielerreichungsgrade oder Angaben zu auferlegten Verpflichtungen der Emittenten im Zusammenhang mit Klimarisiken hinterfragen, um potenzielles Greenwashing zu erkennen und zu verhindern.

Klimawandelrisiken sind, sofern relevant, in der Anwendung von IAS 36 zu berücksichtigen, sei es bei den Angaben (Sensitivitäten), bei der Bewertung oder bei der Identifizierung eines triggering events.

Die ESMA hat festgestellt, dass einige Emittenten Vereinbarungen getroffen haben, die den Preis für die Lieferung von Ökostrom im Voraus festlegen (z.B. virtual power purchase agreements), um ihre CO₂-Bilanz zu reduzieren und/oder sich gegen schwankende Preise abzusichern. ESMA fordert Transparenz über die finanziellen Auswirkungen und die buchhalterische Behandlung solcher Vereinbarungen (Anwendung von IFRS 10, IFRS 11, IFRS 16 oder IFRS 9, je nach vertraglicher Vereinbarung).

Ukraine-Krieg

Hinsichtlich möglicher Auswirkungen des Ukraine-Kriegs auf die Rechnungslegung im Jahresbericht nach IFRS wird auf die Überlegungen der ESMA zum Halbjahresbericht verwiesen. Auszüge hierzu sind:

  • Darstellung der Auswirkungen der Invasion Russlands in den Jahresabschlüssen: ESMA mahnt zur Vorsicht bei der gesonderten Darstellung der Auswirkungen des russischen Einmarsches in der Ukraine in der Gewinn- und Verlustrechnung (Empfehlung: Erläuterungen im Anhang)
  • Verlust der Kontrolle, der gemeinsamen Kontrolle oder der Fähigkeit zur Ausübung eines maßgeblichen Einflusses: Die ESMA fordert erhöhte Aufmerksamkeit für Klauseln in Verträgen zur Veräußerung von Beteiligungen an anderen Unternehmen, die (i) Kaufoptionen für den Rückkauf von Anteilen oder aufgeschobene Zahlungen enthalten, oder (ii) eine fortgesetzte Beteiligung am Management vor Ort und/oder in den Betrieb eines Unternehmens beinhalten.
  • Aufgegebene Geschäftsbereiche, zur Veräußerung gehaltene langfristige Vermögenswerte und Veräußerungsgruppen: Adäquate Anwendung von IFRS 5 infolge veröffentlichter Ausstiegspläne für Geschäfte in Russland und Belarus.
  • Wertminderung nicht-finanzieller Vermögenswerte: Aufgrund der Einschränkungen bei der Gasversorgung und der potenziellen Rationierung von Energie für bestimmte Branchen im Zusammenhang mit dem ukrainisch-russischen Konflikt sind die Auswirkungen verschiedener Energiepreisszenarien und potenzieller Einschränkungen in Sensitivitätsanalysen für den Wertminderungstest zu berücksichtigen und die wichtigsten Annahmen zu erläutern.

Makroökonomisches Umfeld

Das derzeitige makroökonomische Umfeld, gekennzeichnet aus einer Kombination aus verbleibenden pandemiebedingten Auswirkungen, Inflation, Zinsanstieg, Verschlechterung des Geschäftsklimas geopolitischen Risiken und Ungewissheiten hinsichtlich künftiger Entwicklungen wird Unternehmen vor erhebliche Herausforderungen stellen. Bilanzielle Auswirkungen auf z.B. die going-concern Annahme, Werthaltigkeitstest oder auch Liquiditätsrisiken sind entsprechend kritisch zu prüfen.

 

Nicht-finanzielle Berichterstattung (Abschnitt 2)

 

Klimabezogene Angaben

In Fortführung des letztjährigen Schwerpunkts, hebt die ESMA die Anforderungen der Artikel 19a und 29a der Bilanz-Richtlinie 2013/34/EU hervor, wonach die in Bezug auf nichtfinanzielle Aspekte verfolgten unternehmensspezifischen Richtlinien und das Ergebnis dieser anzugeben sind. Die Methode und die damit verbundenen Ergebnisse im Bereich der klimabezogenen Angelegenheiten sind transparent zu machen. Zur Einhaltung der Anforderungen wird auf die Leitlinien der Europäischen Kommission zur Berichterstattung über klimabezogene Informationen verwiesen. Ebenso sind etwaige Strategien zu Übergangsplänen in Bezug auf Geschäftsmodelländerungen transparent darzulegen. Die „doppelte Wesentlichkeitsperspektive“ ist nach Ansicht der ESMA eine der wichtigsten Säulen der nicht-finanziellen Berichterstattung.

Angaben nach Artikel 8 der Taxonomieverordnung

Das Jahr 2023 ist nach Ansicht der ESMA ein wichtiges Jahr für die Berichterstattung gemäß Artikel 8 der Taxonomieverordnung, da Unternehmen im Geschäftsjahr 2022 zum ersten Mal verpflichtet sind, nicht nur die taxonomische Eignung (eligibility), sondern auch die Taxonomieanpassung (alignment) ihrer wirtschaftlichen Tätigkeiten im Hinblick auf die Klimaschutz- und Klimaanpassungsziele offenzulegen, einschließlich der Angaben, die in dem ergänzenden delegierten Rechtsakt zum Klimawandel (EU/2022/1214) gefordert werden.

Berichtsumfang und Datenqualität

Die ESMA fordert die Emittenten auf, die Berichterstattung über einen größeren Umfang als den für finanzielle Zwecke zu erwägen, wenn dies notwendig ist, um wesentliche Informationen über nicht-finanzielle Angelegenheiten zu liefern. Zu diesem Zweck empfiehlt die ESMA, dass die Emittenten ihre Liefer- und Vertriebsketten (Zulieferer, Unterauftragnehmer, Händler, Franchisenehmer und andere relevante Dritte in der Wertschöpfungskette) beschreiben und klarstellen, inwieweit sie diese Unternehmen in ihrer nichtfinanziellen Berichterstattung berücksichtigt haben. Unabhängig davon, ob der Emittent sich für eine Ausweitung des Berichtsumfangs entscheidet, empfiehlt die ESMA, dass die Emittenten ausdrücklich anzugeben haben, ob der Berichtsumfang demjenigen entspricht, der in der Finanzberichterstattung verwendet wird. Da der Wert der nichtfinanziellen Berichterstattung nur so gut sein kann wie die Qualität der zugrunde liegenden Daten, hebt die ESMA die Wichtigkeit der Robustheit der Daten hervor.

 

Alternative Leistungskennzahlen und ESEF (Abschnitt 3)

In Fortführung der letztjährigen Vorgaben, erinnert die ESMA an die Einhaltung und Anwendung der Leitlinien der ESMA zu APMs. Auch mit Bezug zu den Leitlinien wird darauf verwiesen, die Definition und Berechnung eines APM im Laufe der Zeit konsistent zu halten.

ESMA weist auf die Umsetzung der Anforderung des technischen Regulierungsstandards (RTS) zum „Block-Tagging“ für ESEF hin. Hiernach unterliegen Anhangangaben im konsolidierten IFRS-Abschluss ab dem Geschäftsjahr 2022 auch der Auszeichnungspflicht. Anhang II des RTS enthält eine Reihe von Elementen, die mit "textBlockItemType" definiert sind, d.h. Block-Tags für größere Informationen mit unterschiedlicher Granularität.