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Aktuelles:

Forderung nach europäischer Flagge

06. März 2017

Beim zehnten BDO Arbicon Schifffahrtsforum in Oldenburg verfolgten über 100 Teilnehmer die Vorträge ausgewiesener Experten aus Wirtschaft und Politik zu Chancen und Herausforderungen der Branche.

Dr. Valerie Wilms, MdB (Bündnis 90/Die Grünen) und Mitglied des Bundestagsausschusses für Verkehr und digitale Infrastruktur forderte „endlich neue Wege“, um die anhaltende Krise zu meistern. Eine große Chance zur Unterbindung des  erbitterten Steuerwettbewerbs innerhalb der EU biete die europaweite Harmonisierung der Tonnagesteuer. „Wir brauchen einen gemeinsamen Rahmen, weniger nationale Egoismen“, so Wilms. Ihre Forderung nach einer europäischen Flagge fand im Publikum nur wenig Zustimmung.

Ein komplett neuer Ansatz sei auch bei der Vergütung der Seeleute erforderlich. Ein internationaler Heuertarif solle den deutschen ersetzen. Außerdem sprach sich Wilms für volle Lohnsteuerfreiheit und die Übernahme der Sozialversicherung durch den Staat aus.

Beim Thema Überkapazität fand die Grünen-Politikerin ebenfalls klare Worte: „Schrottpresse, Schrottpresse, Schrottpresse“, war ihr Credo. Dies sei der einzig sinnvolle Weg, das Problem zu lösen. Dafür müssten Rahmenbedingungen geschaffen werden, beispielsweise durch Abwrackwerften. Hier könnten auch viele ungenutzte Werften an der Ostsee neue Verwendung finden. Eine „öffentliche Unterstützung für den Standort Deutschland“ sei jedoch auch hier erforderlich.

Neben den Themen LNG als Antriebsstoff der Zukunft, einem kurzen Exkurs zur Pleite der HSH Nordbank und den Ursachen der Krise war Wilms insbesondere der Appell an die Vernunft der Reeder wichtig. Immer wieder forderte sie eine Rückkehr zu einem „persönlich verantwortlichen Verhalten“ der Reeder auf, das die Branche in den 1990er Jahren zu einem der wichtigsten Schifffahrtsstandorte der Welt gemacht habe. Von einer „Abwicklung“ der Schifffahrtsindustrie wolle Wilms nicht sprechen, denn sie sei auch in Zukunft wichtig für Deutschland.

Im Anschluss attestierten Dr. Torsten Büssow (DNV GL – Maritime) und Thomas Kriwat (MERCMARINE Group of Companies) der Branche einen klaren Trend hin zu digitalen Lösungen. Dabei biete die Digitalisierung „mehr Möglichkeiten als Risiken“, so Büssow. Kriwat, der unter anderem auf Sri Lanka Crewmitglieder ausbildet, ist sich sicher, die Digitalisierung werde einen „selbstbestimmteren und selbstbewussteren Seemann“ mit sich bringen.

Deutlich analoger ging es bei dem Thema Casualty Management zu. Peter Wölk (brand Marine Consultants) nahm die Teilnehmer mit in das spannende Arbeitsfeld von Havarie- und Bergungsmissionen. Anschaulich führte er den Teilnehmern vor Augen, dass sich „die Schifffahrt sehr verändert, die Unfälle hingegen weniger“. Bei einem Notfall seien noch immer die ersten 24 Stunden entscheidend für den Ausgang eines anschließenden Gerichtsprozesses oder der Schadensermittlung. Oberste Priorität sei „alles zu sichern, was später wichtig sein könnte“, so Wölk. Doch auch verschiedene Innovationen führten im Casualty Management zu Veränderungen: Heute sei „technisch fast alles möglich“. Demzufolge sei nicht mehr die Ölbekämpfung, sondern die Wrackbeseitigung das teuerste. Dies zeige insbesondere der Fall der Costa Concordia, der mehr als zwei Milliarden gekostet habe.

Welche Gefahren heute noch immer in Nord- und Ostsee lauern, verdeutlichte David Rose (Boskalis Heinrich Hirdes EOD Services GmbH) in seinem Vortrag zur Kampfmittelräumung. Millionen Sprengkörper aus erstem und zweitem Weltkrieg liegen noch immer auf dem Grund der beiden Meere. Doch nicht nur hier lauern Gefahren: Die Situation „in ganz Europa an den Küstenregionen ist problematisch“, so der Experte. Langwierige Prozesse von Recherche über Voruntersuchungen bis hin zur sehr aufwendigen Entschärfung machen es fast unmöglich, die Meere in naher Zukunft von allen Gefahren zu befreien.

Die beschlossene Energiewende und die damit einhergehenden Maßnahmen zur Reduzierung der Umweltbelastung durch CO2 beleuchtete Stefan Höner (Bureau Veritas S.A.). Hier gibt es auch in der Schifffahrt Maßnahmen, die zeitnah greifen: Ab Januar 2018 sind die Reedereien dazu verpflichtet, die jährlichen Kohlendioxid-Emissionen aller europäische Häfen anlaufenden Schiffe mit mehr als 5.000 Bruttoregistertonnen zu erfassen und an die EU zu melden. Höner schilderte die Entstehung der EU MRV-Regelung und den andauernden Konflikt zwischen der internationalen Maritimen Organisation (IMO) und der EU, die nun nacheinander ein solches Monitoring einführen werden. Dabei wies er auf die Dringlichkeit hin, die angeforderten Dokumente zeitnah einzureichen. Denn nach der eigenen Dokumentation müssen die Daten von einem verifizierten Controller überprüft und bestätigt werden. Dafür stehe nur ein Zeitintervall von vier Monaten zur Verfügung, in dem die Verifizierer „mit Arbeit zugeschüttet“ würden. Trotz des Mehrs an Bürokratie und Aufwands für die Reeder hatte Höner auch eine erfreuliche Nachricht: Die Schifffahrt sei im Vergleich mit Bahn und LKW „nach Transportmengen am energieeffizientesten“.

„Das Jahr 2016 war ein Höhepunkt der Krise“, fasste der Experte für Schifffahrtsfinanzierung Philipp Wünschmann (Berenberg Bank) die aktuelle Lage der Schifffahrtsbranche zusammen. Es finde nun seit geraumer Zeit eine „Trennung von Spreu und Weizen“ statt. Deutschland sei im Hinblick auf die vorhandene Flotte immer noch sehr gut aufgestellt. Dennoch sei ein klarer Trend in Richtung Asien zu verzeichnen. Dies betreffe nicht nur die Reedereien, sondern auch die Finanzierungsmöglichkeiten. Nur noch wenige deutsche und europäische Banken erhöhten ihr Engagement in diesem Sektor, viele zögen sich fast komplett zurück. Dabei sei es bei der Finanzierung für Reeder äußerst wichtig, sich von Altlasten zu befreien. Denn nur so könne man „sich um das Morgen kümmern“ und zukunftsfähig werden, so Wünschmann. Gegen den Haupttrend seien aber auch eine Regionalisierung in der Finanzierung festzustellen sowie eine Diversifizierung in den Finanzierungsquellen, die Alternativen böten.