IDW: Fachlicher Hinweis des FAUB zu den Auswirkungen des Ukraine-Krieges auf die Unternehmensbewertung

Der Beginn kriegerischer Handlungen durch die russischen Streitkräfte in der Ukraine am 24.02.2022 stellt ein einschneidendes Ereignis dar, das mittelbar wie unmittelbar wesentliche Auswirkungen auf die globale Wirtschaft hat. Der von Russland initiierte Krieg und die Wirtschaftssanktionen der westlichen Länder gegen Russland haben teilweise enorme Auswirkungen auf die Ertragskraft von Unternehmen, da unter anderem Lieferketten eingebrochen sind und Geschäftsbeziehungen zu russischen Unternehmen eingestellt wurden.  Die kriegerischen Handlungen führen somit zu einem starken Anstieg der wirtschaftlichen Unsicherheiten, da die langfristigen Folgen nur schwer eingeschätzt werden können. Es ergeben sich daher auch Auswirkungen auf die Bewertungen von Unternehmen bzw. Unternehmensanteilen, die der Fachausschuss für Unternehmensbewertung und Betriebswirtschaft (FAUB) des Instituts der Wirtschaftsprüfer in einem fachlichen Hinweis vom 23.03.2022 thematisiert.

Der Ukraine-Krieg führt zu großer Unsicherheit am Kapitalmarkt, die sich direkt nach Beginn des Krieges in volatilen und teilweise stark einbrechenden Kursen widergespiegelt hat. Der FAUB stellt in seinem fachlichen Hinweis vorab jedoch klar, dass fundamentalanalytische Bewertungsmethoden von Kursen börsennotierter Gesellschaften zu unterscheiden sind. Erstere basieren auf der Prognose zukünftiger Zahlungsströme, berücksichtigen also insbesondere auch mittel- und langfristige Implikationen des Krieges, und stellen somit eine Ermittlung eines Zukunftserfolgswertes dar.

Der FAUB zeigt hinsichtlich möglicher Konsequenzen für die Unternehmensbewertung außerdem Parallelen zu denen zu Beginn der COVID-19-Pandemie (vgl. hierzu unseren Beitrag zum Fachlichen Hinweis des FAUB vom 25.03.2020) auf. Betrachtet werden daher analog Fragen hinsichtlich des Stichtagprinzips, der Auswirkungen des Ukraine-Krieges auf die Ermittlung der finanziellen Überschüsse und der Kapitalkosten sowie besondere Hinweispflichten in Bewertungsgutachten.

Stichtagsprinzip

Im aktuellen Fachlichen Hinweis wird erneut darauf hingewiesen, dass Unternehmenswerte stichtagsbezogen zu ermitteln sind. Dementsprechend ist nur der Informationsstand zu berücksichtigen, der bei angemessener Sorgfalt zum Bewertungsstichtag hätte erlangt werden können (IDW Standard: Grundsätze zur Durchführung von Unternehmensbewertungen (IDW S 1 i.d.F. 2008), Tz. 22 f.).

  • Bei Bewertungsstichtagen bis einschließlich 23.02.2022 sind die Auswirkungen des Ukraine-Kriegs in der Bewertung somit nicht zu berücksichtigen.
  • Für Bewertungsstichtage nach dem 23.02.2022 gilt, dass die Auswirkungen des Ukraine-Krieges einzelfallspezifisch hinsichtlich des konkreten Geschäftsmodells und der räumlichen Aktivitäten zu analysieren sind.

Künftige finanzielle Überschüsse – Ausmaß und Dauer der Effekte

Eine verlässliche Einschätzung des Ausmaßes und der Dauer der Effekte des Krieges respektive der verhängten Sanktionen ist gegenwärtig kaum möglich. Hieraus resultiert für den Bewerter die Herausforderung abzuschätzen, wie sich diese auf die Ertragslage des Bewertungsobjektes auswirken. Zunächst empfiehlt der FAUB zu analysieren, ob das Unternehmen ein direktes Engagement in Form von Produktionsstätten bzw. Beteiligungen in der Ukraine bzw. Russland hat und/oder Geschäftsbeziehungen im Bereich der Beschaffungs- bzw. Absatzmärkte unterhält.  Sollte ein direktes Engagement vorliegen, ist zu analysieren, inwieweit Einschränkungen bzw. Ausfälle von Absatz und Produktion erkennbar sind und eingeschränkte Finanzierungsmöglichkeiten oder sogar Enteignungen drohen. Hinsichtlich der Geschäftsbeziehungen ist außerdem zu beleuchten, welche Auswirkungen sich auf die Kosten- und Umsatzentwicklung ergeben.

In den Fällen, in denen das Bewertungsobjekt weder ein direktes Engagement noch unmittelbare Geschäftsbeziehungen unterhält, sind dennoch potenzielle Auswirkungen auf die Geschäftsentwicklung, u.a. aufgrund steigender Energie- und Rohstoffpreise, in der Planung zu berücksichtigen.

Im Rahmen einer langfristigen Betrachtung können sich wertrelevante Konsequenzen ergeben, wenn die wirtschaftliche Situation nach dem Ukraine-Krieg eine andere sein sollte als vor dem Ukraine-Krieg. Es ist somit im Einzelfall zu analysieren, ob und inwieweit Unternehmensplanungen und Einschätzungen aus der Zeit vor dem Ukraine-Krieg zugrunde gelegt werden können. Laut Einschätzung des FAUB sollte der erhöhten Unsicherheit mittels Szenarioanalyse begegnet werden.

Kapitalkosten

In Hinblick auf die Ermittlung des Kapitalisierungszinssatzes sieht der FAUB keinen Anlass zur Anpassung der bisherigen Methodik. Der FAUB stellt fest, dass sich der Kapitalisierungszins auch in der gegenwärtigen Situation des Ukraine-Krieges weiterhin an langfristigen Analysen von Renditen orientiert, die in einer Größenordnung von 7,0% bis 9,0% (nach Unternehmenssteuern und vor persönlichen Steuern) beobachtet werden. Die Marktrisikoprämie sieht der FAUB derzeit weiterhin in einer Größenordnung von 6,0% bis 8,0% (ebenfalls nach Unternehmenssteuern und vor persönlichen Steuern). Im Ergebnis sieht der FAUB daher keine Notwendigkeit, die bisherige Methodik zur Ermittlung der Kapitalkosten anzupassen. Gleichwohl sind aufgrund der gestiegenen Inflationsdynamik die Implikationen auf Basiszinssatz, Fremdkapitalkosten und Wachstumsabschlag weiter zu verfolgen. Die erhöhte Unsicherheit aufgrund des Ukraine-Krieges ist somit in der Planung zu berücksichtigen und nicht durch pauschal erhöhte Risikoprämien abzubilden. 

Zusammenfassend stellt der FAUB fest, dass der Ukraine-Krieg zu Veränderungen führt, die sich dynamisch verstärken oder reduzieren können. In vielen Fällen werden die Effekte aus dem Ukraine-Krieg zu einer geänderten Zukunftseinschätzung für Bewertungsstichtage nach dem 23.02.2022 führen. In Unternehmen etablierte Planungsabläufe können diese Dynamik häufig nicht oder nicht kurzfristig abbilden. In einer solchen Situation obliegt es daher dem Bewerter, vorliegende Unternehmensplanungen, die der Bewertung des Unternehmens zugrunde gelegt werden sollen, aufgrund der sich verändernden Situation neu zu beurteilen und auf Anpassungen der Unternehmensplanung hinzuwirken oder ggf. selbst Anpassungen im Rahmen der Bewertung vorzunehmen.

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