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Asset Servicing wird digital modular, nachhaltig und KI-gestützt
Interview mit Benjamin Jungbluth, Partner – Financial Services, BDOHerr Jungbluth, genügen beim Zusammenspiel von Investor, Master-KVG, Verwahrstelle, Asset Manager und weiteren Dienstleistern noch One-size-fits-all-Lösungen?
Gerade eine Master-KVG muss künftig flexible, digital integrierte Prozesse für alle angebundenen Marktteilnehmer vorhalten. Im Asset Servicing bewegen wir uns dabei auf drei parallelen Entwicklungspfaden: Der erste betrifft die klassische, liquide Welt, in der reibungslose Abläufe längst vorausgesetzt werden. Die zweite Entwicklungslinie umfasst Private Markets, also nicht börsennotierte Anlageklassen, die durch institutionelle Allokationen stark gewachsen sind. Hier stellen sich Investoren zunehmend die Frage, in welche Asset-Klassen sie investieren und wer die passenden Servicepartner sein können. Der dritte Entwicklungspfad ist die digitale Welt – von Kryptotransaktionen bis zu tokenisierten Vermögenswerten und DLT-basierten Finanzinstrumenten. Asset Servicer müssen künftig in all diesen Bereichen überzeugen. Daraus resultiert die zentrale Frage: Was kann und will ein Anbieter künftig leisten? Zudem erfordern regulatorische Vorgaben wie die Principles for Respon- sible Investment (PRI) oder der Digital Operational Resilience Act (DORA) eine engere Abstimmung zwischen Verwahrstellen, KVGen, Asset Managern und Investoren. Dabei spielt auch die technologische Integration eine wesentliche Rolle – etwa über Echtzeitdatenzugriffe, standardisierte Schnittstellen und automatisierte Abstimmungen.Wie lässt sich die Interaktion dieser Schnittstellen sicherstellen?
Nach wie vor beobachten wir fragmentierte Prozessketten und Medienbrüche, insbesondere in komplexeren Bereichen wie Derivaten, Private Markets oder der ESG-Berichterstattung. Eine zentrale Ursache liegt in der Vielzahl der eingesetzten Systeme. Die Prozesslandschaft in Accounting, Collateral Management, Valuation und Reporting ist stark fragmentiert. Eine dominierende Plattform, die alle Marktteilnehmer verbindet, existiert nicht. Je nach Anforderung und Komplexität können standardisierte One-size-fits-all-Lösungen durchaus sinnvoll sein, etwa in stark regulierten oder automatisierten Teilbereichen. Doch gerade in komplexeren oder individuell ausgestalteten Segmenten stoßen solche Lösungen an ihre Grenzen. Hier sind flexible, modulare Systemarchitekturen gefragt, die sich gezielt an den jeweiligen Asset-Klassen, regulatorischen Anforderungen und individuellen Prozesslandschaften der Marktteilnehmer ausrichten. Zwar haben sich viele Systeme hinsichtlich Skalierbarkeit und Funktionalität deutlich weiterentwickelt. Dennoch fehlt es häufig an durchgängigen, standardisierten Schnittstellenstrukturen, die einen nahtlosen Datenfluss über alle involvierten Parteien gewährleisten könnten. Moderne Systeme ermöglichen inzwischen in Teilbereichen Echtzeitdatenzugriffe, etwa für Net Asset Values, Look-through-Daten oder im Rahmen von Portfolioabstimmungen, der Reconciliation. Diese Fortschritte verbessern die Transparenz und Effizienz in einzelnen Prozessen.Doch sie können die übergeordneten strukturellen Schwächen der Prozesskette – etwa Medienbrüche, manuelle Schnittstellen oder fehlende End-to-End-Automatisierung – bislang nicht vollständig kompensieren. Besonders deutlich wird dies bei regulatorischen Entwicklungen wie der geplanten Einführung von T+1 in Europa. Diese Abwicklungsverkürzung wird bestehende Brüche in der Prozess- und Systemlandschaft und fehlende Echtzeit-Fähigkeit schonungslos offenlegen. Während T+2 oder T+3 in der Praxis meist reibungslos funktionieren, fehlt bei T+1 der notwendige zeitliche Puffer. Das erhöht das Risiko, Abwicklungsfristen nicht einzuhalten, was unmittelbar zu Verstößen gegen die Settlement-Disziplin führen kann. Um diese Herausforderungen zu bewältigen, wird es entscheidend sein, die Standardisierung von Schnittstellen und Datenformaten weiter voranzutreiben und zugleich gezielt in echtzeitfähige Prozess- und Systemarchitekturen zu investieren. Ebenso wichtig ist eine enge Zusammenarbeit zwischen den Marktteilnehmern, um medienbruchfreie Prozessketten über alle Parteien hinweg zu etablieren.
Langfristig führt kein Weg an einem modular aufgebauten, interoperablen Ökosystem vorbei, das den steigenden Anforderungen an Geschwindigkeit, Sicherheit und Transparenz im Asset Servicing gerecht wird. Perspektivisch wird sich der Markt zudem weiter in Richtung plattformgetriebene Austauschmodelle entwickeln, in denen standardisierte Datenräume und digitale Marktplätze den Informationsaustausch zwischen den Akteuren nochmals deutlich vereinfachen und so zu mehr Effizienz und Resilienz im gesamten Asset Servicing beitragen.
Sind Asset Servicer bereit, nicht mehr zeitgemäße Prozesse durch digitalisierte Lösungen zu ersetzen?
Die Einführung von T+1-Settlement in den USA hat eindrucksvoll gezeigt, wie wichtig eine frühzeitige, strategische Vorbereitung und eine konsequente Digitalisierung operativer Prozesse sind. Zahlreiche US-Finanzinstitute haben bereits früh auf die regulatorischen Vorgaben der Securities and Exchange Commission (SEC) sowie die technischen Anforderungen der Depository Trust & Clearing Corporation (DTCC) reagiert. Dabei stand vor allem die Automatisierung von Trade Matching, Bestätigungsprozessen und der Abwicklung im Fokus – weniger der Einsatz künstlicher Intelligenz im engeren Sinne. Diese Umstellung war mit erheblichem Aufwand verbunden, insbesondere im Hinblick auf neue Cut-off-Zeiten für Devisengeschäfte, Kapitalmaßnahmen oder Konvertierungen. Dennoch konnte der Markt durch die klaren Vorgaben der DTCC sowie eine enge Abstimmung aller Marktakteure eine hohe operative Sicherheit gewährleisten. Für Europa ist die Situation komplexer. Eine verpflichtende Einführung von T+1 wird derzeit im Rahmen der Central Securities Depositories Regulation (CSDR) sowie von der European Securities and Markets Authority (ESMA) geprüft. Anders als in den USA liegt aktuell jedoch keine gesetzliche Vorgabe vor. Die EU-Kommission, die ESMA sowie weitere Institutionen analysieren derzeit in Abstimmung mit den Marktteilnehmern, ob und unter welchen Voraussetzungen eine Umstellung auf T+1 technisch, rechtlich und operativ umsetzbar wäre. Aktuell wird als frühestmöglicher Termin für eine verpflichtende Einführung des T+1-Settlements in Europa der 11. Oktober 2027 diskutiert. Eine verbindliche Entscheidung steht jedoch noch aus. Hinzu kommt, dass Europa über eine heterogene Marktstruktur mit grenzüberschreitenden Abwicklungen im Rahmen von TAR- GET2-Securities (T2S) verfügt, was die Umstellung komplexer macht. Ohne eine zentrale Instanz wie die DTCC wird es zudem schwieriger sein, einheitliche Vorgaben durchzusetzen. Gerade vor diesem Hintergrund müssen europäische Asset Servicer ihre digitalen Kapazitäten ausbauen und sich frühzeitig mit den komplexen Auswirkungen auf ihre Prozesse – von der Trade-Affirmation über FX-Handling bis hin zur Liquiditätssteuerung – auseinandersetzen. Der Fokus sollte dabei auf durchgängig automatisierten, standardisierten und skalierbaren Prozessen liegen, um den operativen Anforderungen eines verkürzten Abwicklungszyklus gerecht zu werden.Wie lassen sich nun diese Themen – also Daten, Schnittstelle, künstliche Intelligenz, Digitalisierung – für das Asset Servicing zusammenbringen?
Künstliche Intelligenz wird im Asset Servicing häufig noch mit einer gewissen Skepsis betrachtet. Viele denken dabei sofort an hochkomplexe Systeme, die schwer kontrollierbar sind. Dabei geht es hier nicht darum, ganze Prozesse zu automatisieren oder gar zu ersetzen, sondern vielmehr darum, repetitive und fehleranfällige Tätigkeiten zu vereinfachen – etwa bei der Datenabstimmung oder im Reporting. Das Ziel ist, die Effizienz zu erhöhen und gleichzeitig die Sicherheit zu stärken. Doch genau dieser Fortschritt muss immer im Einklang mit den sehr strengen regulatorischen Vorgaben in Europa erfolgen – und das ist eine der größten Herausforderungen für unsere Branche. KI wird das Asset Servicing also nicht von Grund auf verändern. Aber sie wird dazu beitragen, Prozesse sicherer, effizienter und stabiler zu machen – wenn wir sie verantwortungsvoll und im richtigen Rahmen einsetzen.