Datum: 

Finanzierung der Energiewende: Wird Eigenkapital zum Engpass für Netzbetreiber bzw. Stadtwerke?

Die Finanzierung der Energiewende wird für Stadtwerke und Energieversorgungsunternehmen zunehmend zur strategischen Herausforderung. Der Ausbau der Stromverteil- und Wärmenetze erfordert erhebliche Investitionen, während die finanziellen Spielräume vieler kommunaler Eigentümer begrenzt sind. Das gemeinsame Eckpunktepapier von Bund und Ländern setzt neue Impulse für Fremd-, Mezzanin- und Eigenkapital. Aus Sicht von BDO wird jedoch entscheidend sein, Finanzierung, Kapitalstruktur, Bilanzierung und Regulierung integriert zu steuern.

Mehr als eine technische Herausforderung

Die Energiewende tritt in eine neue Phase ein. Während in den vergangenen Jahren vor allem Ausbauziele, Genehmigungsverfahren und regulatorische Rahmenbedingungen im Mittelpunkt standen, rückt zunehmend eine finanzwirtschaftliche Frage in den Vordergrund: Wie können Stadtwerke und Energieversorgungsunternehmen die erforderlichen Investitionen langfristig finanzieren?

Bis 2045 müssen mehr als 300 Milliarden Euro in Stromverteil- und Wärmenetze investiert werden. Der Ausbau dieser Infrastruktur bildet eine zentrale Grundlage für die Integration erneuerbarer Energien, die Elektrifizierung von Wärme und Mobilität sowie die Dekarbonisierung von Wirtschaft und Gesellschaft.

Mit dem gemeinsamen Eckpunktepapier zur Finanzierung von Stromverteil- und Wärmenetzen setzen Bund und Länder wichtige Impulse zur Stärkung der Investitionsfähigkeit. Aus Sicht von BDO markiert das Papier zugleich einen grundlegenden Perspektivwechsel: Die Energiewende ist nicht nur eine technische und regulatorische Herausforderung. Sie wird zunehmend auch zu einer Frage der Kapitalstruktur und Finanzierungsfähigkeit.

Die Transformation findet im Verteilnetz statt

Ein erheblicher Teil der energiewirtschaftlichen Transformation findet in den regionalen und lokalen Verteilnetzen statt. Zu den wesentlichen Investitionstreibern gehören insbesondere:

  • der Anschluss dezentraler Photovoltaik- und Windenergieanlagen,
  • die Integration von Wärmepumpen,
  • der Ausbau der Ladeinfrastruktur für Elektromobilität,
  • die Digitalisierung und Automatisierung der Netze,
  • der Ausbau und die Transformation von Wärmenetzen sowie
  • die Erhöhung von Netzresilienz und Versorgungssicherheit.

Für viele Stadtwerke führen diese Entwicklungen dauerhaft zu deutlich steigenden Investitionsvolumina. Die zentrale Frage lautet daher nicht mehr, ob investiert werden muss, sondern wie die erforderlichen Investitionen finanziert und refinanziert werden können.

Welche Finanzierungsimpulse setzt das Eckpunktepapier?

Das Eckpunktepapier adressiert insbesondere drei Finanzierungshebel: die Verbesserung der Fremdkapitalversorgung, die Entwicklung eines Mezzanin-Instruments und die Stärkung des kommunalen Eigenkapitals.

Verbesserung der Fremdkapitalversorgung

Mit dem Investitionskredit Energieversorgung KfW 548 und dem Konsortialkredit Energieversorgung KfW 549 stehen Instrumente zur Finanzierung langfristiger Investitionen in die Energieinfrastruktur zur Verfügung. Sie sollen dazu beitragen, den Zugang zu Fremdkapital zu erleichtern und die Investitionsfähigkeit der Energieversorger zu stärken.

Die Verfügbarkeit zusätzlicher Kreditmittel löst jedoch nicht automatisch sämtliche Finanzierungsprobleme. Kreditgeber berücksichtigen bei ihren Entscheidungen unter anderem die Kapitalstruktur, die Schuldentragfähigkeit, bestehende Covenants und die langfristige Cashflow-Entwicklung eines Unternehmens.

Mezzanin-Kapital zur Stärkung der Finanzierungsfähigkeit

Ein wesentlicher Baustein des Eckpunktepapiers ist die geplante Entwicklung eines Mezzanin-Produkts für Investitionen in Stromverteil- und Wärmenetze. Der Bund bietet hierfür eine Haftung für 60 Prozent des über das Produkt bereitgestellten Finanzierungsvolumens an. Die konkrete Ausgestaltung soll dazu führen, dass das Mezzanin-Kapital als wirtschaftliches Eigenkapital anerkannt werden kann.

Damit könnte ein Instrument entstehen, das die Kapitalbasis von Stadtwerken stärkt, ohne dass kommunale Gesellschafter das erforderliche Kapital vollständig selbst bereitstellen müssen. Die rechtliche, wirtschaftliche und bilanzielle Einordnung wird allerdings maßgeblich von den konkreten Vertragsbedingungen abhängen.

Unternehmen sollten daher frühzeitig untersuchen, welche Auswirkungen das jeweilige Instrument auf Bilanzkennzahlen, Verschuldungsgrad, Ausschüttungsmöglichkeiten, Covenants und die Aufnahme weiterer Finanzierungen hat.

Rolle der kommunalen Gesellschafter

Bund und Länder betonen zudem die Bedeutung kommunaler Eigenkapitalmaßnahmen. Eigenkapitalerhöhungen durch kommunale Eigentümer können die Finanzierungsfähigkeit der Stadtwerke unmittelbar stärken.

Gleichzeitig verfügen viele Kommunen aufgrund ihrer angespannten Haushaltslage nur über begrenzte Spielräume für zusätzliche Kapitalzuführungen. Damit entsteht ein Spannungsfeld zwischen kommunaler Finanzlage, Ausschüttungserwartungen und dem wachsenden Kapitalbedarf der Stadtwerke.

Kommunale Eigentümer und Geschäftsleitungen müssen deshalb gemeinsam klären, wie Investitionen, Kapitalausstattung und Ausschüttungspolitik langfristig aufeinander abgestimmt werden können.

Warum Eigenkapital zum Engpass werden kann

In der Finanzierungsdiskussion steht häufig die Verfügbarkeit von Krediten im Vordergrund. Diese Betrachtung greift aus Sicht von BDO zu kurz.

Eine angemessene Eigenkapitalbasis kann Voraussetzung dafür sein, zusätzliche Fremdfinanzierungen aufzunehmen, Anforderungen von Kapitalgebern zu erfüllen und finanzielle Handlungsspielräume für weitere Investitionen zu erhalten. Auch die Widerstandsfähigkeit gegenüber regulatorischen, operativen und marktbezogenen Risiken hängt von einer tragfähigen Kapitalstruktur ab.

Mit zunehmendem Investitionsbedarf wird die Kapitalstruktur daher zu einem strategischen Faktor. Stadtwerke müssen nicht nur einzelne Projekte finanzieren, sondern ihre gesamte Finanzierungsarchitektur auf einen langfristig erhöhten Investitionsbedarf ausrichten.

Finanzierung und Regulierung gemeinsam betrachten

Für Betreiber von Stromverteilnetzen hängt die Investitionsfähigkeit nicht allein vom Zugang zum Kapitalmarkt ab. Ebenso wichtig ist, wie und wann Investitionen regulatorisch berücksichtigt und über zukünftige Erlöse refinanziert werden können.

Dabei sind insbesondere folgende Fragen relevant:

  • In welchem Umfang werden geplante Investitionen regulatorisch anerkannt?
  • Wann und wie wirken sie sich auf zukünftige Erlöse aus?
  • Welche zeitlichen Unterschiede entstehen zwischen Investitionsauszahlung und Refinanzierung?
  • Welche Folgen ergeben sich für Liquidität, Kapitalbindung und Rendite?
  • Wie robust ist die Finanzierung bei veränderten regulatorischen Annahmen?

Investitionsplanung, Finanzierung und Anreizregulierung dürfen daher nicht isoliert voneinander betrachtet werden. Erforderlich ist ein integriertes Modell, das Investitionen, regulatorische Erlöse, operative Cashflows, Finanzierungskosten und Kapitalbedarf in unterschiedlichen Szenarien zusammenführt.

Auch im Wärmesektor sind die Entwicklung des regulatorischen Rahmens, die Ausgestaltung der Förderung und die langfristige Wirtschaftlichkeit der Netzinfrastruktur gemeinsam zu beurteilen.

Was Stadtwerke jetzt tun sollten

Kapitalstruktur analysieren

Stadtwerke sollten prüfen, ob ihre bestehende Eigenkapitalbasis und Verschuldungsfähigkeit ausreichen, um die geplanten Investitionen zu finanzieren. Dabei sind insbesondere Finanzierungskennzahlen, Covenants, Ausschüttungen und mögliche Kapitalmaßnahmen zu berücksichtigen.

Integrierte Investitions- und Finanzierungsmodelle entwickeln

Investitionsplanung, Wirtschaftsplanung, Liquiditätsplanung und Finanzierung sollten in einem konsistenten Modell zusammengeführt werden. Szenario- und Sensitivitätsanalysen können zeigen, wie sich veränderte Investitionskosten, Zinssätze oder regulatorische Annahmen auf Kapitalbedarf und Schuldentragfähigkeit auswirken.

Neue Finanzierungsinstrumente ganzheitlich bewerten

Mezzanin-Kapital, KfW-Programme und kommunale Kapitalzuführungen sind nicht nur anhand ihrer Finanzierungskosten zu beurteilen. Auch bilanzielle, steuerliche, rechtliche und regulatorische Folgen müssen berücksichtigt werden.

Finanzierung und Regulierung verzahnen

Die Finanzierungsstrategie sollte mit der regulatorischen Planung abgestimmt werden. Dies betrifft insbesondere den zeitlichen Verlauf der Investitionen, die Berücksichtigung in den Erlösobergrenzen und mögliche Finanzierungslücken.

Gesellschafter frühzeitig einbinden

Kommunale Eigentümer sollten frühzeitig Transparenz über Investitionsbedarf, Kapitalbedarf und mögliche Auswirkungen auf Ergebnisabführungen oder Ausschüttungen erhalten. Dadurch lassen sich strategische Entscheidungen rechtzeitig vorbereiten.

Fazit

Die zentrale Herausforderung der kommenden Jahre liegt nicht allein in der Verfügbarkeit einzelner Förder- und Finanzierungsinstrumente. Entscheidend wird sein, ob Stadtwerke Investitionsplanung, Kapitalstruktur, Finanzierung, Bilanzierung und Regulierung konsequent integriert steuern.

Die Finanzierung der Energiewende entwickelt sich damit zunehmend zu einer langfristigen finanzwirtschaftlichen Transformationsaufgabe. Stadtwerke, die ihre Kapitalstruktur frühzeitig auf den zukünftigen Investitionsbedarf ausrichten, schaffen bessere Voraussetzungen für eine wirtschaftlich tragfähige Umsetzung ihrer Transformationspläne.

BDO begleitet Stadtwerke und Energieversorgungsunternehmen unter anderem bei der Analyse von Kapitalstrukturen, der bilanziellen Beurteilung neuer Finanzierungsinstrumente, der integrierten Unternehmens- und Finanzplanung sowie der Bewertung regulatorischer Auswirkungen auf Investitionsentscheidungen.

Dieser Artikel wurde verfasst von

Hubert Ahlers
Wirtschaftsprüfer, Steuerberater, Partner, Audit & Assurance; A&A Power, Energy & Utilities
Philipp Schütte
Wirtschaftsprüfer, Steuerberater, Direktor; A&A Power, Energy & Utilities