Mit der EU-Verordnung (EU) 2024/1781, Ecodesign for Sustainable Products Regulation/ESPR (zu Deutsch Ökodesignverordnung), hat die Europäische Union im Juli 2024 den bislang weitreichendsten Rechtsrahmen für nachhaltige Produktgestaltung in Kraft gesetzt. Die Verordnung löst die Ökodesign-Richtlinie 2009/125/EG ab, die bis dato nur auf energieverbrauchsrelevante Produkte wie Haushaltsgeräte, Heizungen und Beleuchtung anwendbar war. Die ESPR gilt erstmals branchenübergreifend, sodass grundsätzlich alle physischen Produkte, die im EU-Binnenmarkt in Verkehr gebracht werden, erfasst werden können, mit Ausnahme von Lebensmitteln, Futtermitteln und Arzneimitteln.

Der regulatorische Ansatz folgt einem zweistufigen Modell: Die Verordnung selbst legt den Rahmen und die Instrumente fest. Die konkreten Anforderungen je Produktkategorie werden über delegierte Rechtsakte der Europäischen Kommission definiert. Dieser Mechanismus gibt Unternehmen einerseits Vorlaufzeit, erschwert aber andererseits die strategische Planung, weil Detailtiefe und Zeitplan je Produktgruppe variieren.

Inhaltlich geht die ESPR erheblich über reine Energieeffizienzanforderungen hinaus. Verbindliche Produktanforderungen können zukünftig die Haltbarkeit und Reparierbarkeit (z. B. Mindestlebensdauer, Verfügbarkeit von Ersatzteilen über zehn Jahre), den Recyclinganteil bei der Materialzusammensetzung, den Carbon Footprint auf Produktebene, die Verwendung gefährlicher Stoffe sowie Mindestanforderungen an die Recyclingfähigkeit am Lebenszyklusende umfassen. Für Elektronikhersteller bedeutet das etwa, dass sie künftig nicht nur die Energieeffizienz eines Smartphones zertifizieren müssen, sondern auch belegen, wie viel Anteil Rezyklat in einem Gehäuse stecken und wie lange kritische Ersatzteile nach Markteinführung verfügbar sein werden.

Produktprioritäten im ersten Arbeitsplan (2024–2027)

Die Europäische Kommission hat im ersten ESPR-Arbeitsplan sechs Produktgruppen als Priorität eingestuft, die zusammen für einen erheblichen Anteil der industriellen Umweltbelastung in der EU verantwortlich sind:

  • Textilien und Bekleidung durch hohe Ressourcenintensität, kurze Nutzungszyklen und globale Lieferketten mit geringer Transparenz. Die Anforderungen betreffen voraussichtlich Mindesthaltbarkeit, Recyclingfähigkeit und den PCF je Kleidungsstück.
  • Eisen, Stahl und Aluminium als Schlüsselmaterialien für Bauwirtschaft, Fahrzeugbau und Maschinen. Im Fokus stehen Rezyklatanteile und die Emissionsintensität der Primärproduktion.
  • Möbel sind bisher kaum reguliert, aber material- und schadstoffintensiv. Anforderungen an Haltbarkeit, Reparierbarkeit und Vermeidung von Schadstoffen (SVHC: Substances of very high concern) werden im Fokus stehen.
  • Reifen durch ihre Abriebpartikel als Mikroplastikquelle, mit entsprechenden Anforderungen an Rollwiderstand und Recyclingfähigkeit.
  • Reinigungsmittel und Farben, bei denen der Fokus auf biologischer Abbaubarkeit, Verpackungsminimierung und Konzentraten liegt. 
  • Elektronik und IKT-Geräte wie Smartphones, Tablets und Laptops bei denen Reparierbarkeit, Softwareupdates, Akkutauschbarkeit und Rezyklatanteile zentrale Hebel sind.

Ergänzend hierzu kommen die Batterie-VO (EU) 2023/1542 und die Spielzeugsicherheits-VO (EU) 2025/2509, die Detergenzien-VO (EU) 2026/405 sowie die Bauprodukte-VO (EU) 2024/3110. Hierbei handelt es sich jedoch um Änderungen bestehender Regulatorik, nicht um neue delegierte Akte. 

Zeitplan

Phase Zeitraum 

ESPR-Inkrafttreten

Juli 2024

Erster delegierter Rechtsakt (Textilien)

Erwartet 2026

DPP-Pilotprojekte (Textilien, Batterien)

2026–2027

Schrittweise Ausweitung auf weitere Sektoren

ab 2027

Vollständige Marktdurchdringung DPP

ab 2030 geplant

 

Der Digitale Produktpass (DPP)

Der Digitale Produktpass (DPP) ist das operative Herzstück der ESPR. Er ist kein Dokument im klassischen Sinne, sondern ein standardisiertes, maschinenlesbares digitales Datenobjekt, das produktbezogene Informationen über den gesamten Lebenszyklus hinweg zugänglich macht: von der Rohstoffgewinnung über die Fertigung und Nutzungsphase bis zur Entsorgung oder Wiederaufbereitung. Ziel ist es, alle relevanten Akteure entlang der Wertschöpfungskette - Hersteller, Importeure, Händler, Behörden, Verbraucher und Recycler - mit den Informationen zu versorgen, die sie für fundierte Entscheidungen für nachhaltigere Produkte benötigen.

Vorläufer des DPP existieren bereits in der EU-Batterieverordnung (2023/1542), die für Industriebatterien ab 2027 einen verpflichtenden Produktpass vorschreibt, sowie im Textilsektor, wo erste Pilotprojekte laufen. Diese frühen Implementierungen dienen als Blaupause für die breitere ESPR-Rollout-Strategie.

Der Digitale Produktpass umfasst je nach Produktkategorie detaillierte Angaben zu Materialzusammensetzung, CO₂-Fußabdruck, Reparierbarkeit, Rohstoffherkunft sowie Recycling- und Entsorgungshinweisen. Ergänzend werden alle relevanten Konformitätsnachweise und technischen Dokumentationen digital hinterlegt, um Transparenz und Nachverfolgbarkeit über den gesamten Lebenszyklus sicherzustellen.

Technische Architektur und Infrastruktur

Technisch basiert der DPP auf einem dezentralen Ansatz: Die Datenhaltung verbleibt beim Hersteller oder einem beauftragten Datentreuhänder; ein eindeutiger Produktidentifikator, in der Regel ein QR-Code, RFID-Tag oder Datamatrix-Code, der physisch am Produkt oder der Verpackung angebracht ist – verweist auf den digitalen Datensatz. Dieses Modell vermeidet eine zentrale EU-Datenbank, schafft aber hohe Anforderungen an Interoperabilität und Datenstandardisierung.

Für den Datenzugriff ist ein mehrstufiges Rollenmodell vorgesehen: Verbraucher erhalten vereinfachte Kerninformationen (z. B. Reparierbarkeitsindex, CO₂-Fußabdruck, Recyclinghinweise); Händler und B2B-Abnehmer bekommen erweiterte Materialdaten; Behörden und Zertifizierungsstellen erhalten vollständigen Datenzugang. Recyclingunternehmen können über maschinenlesbare Schnittstellen automatisiert auf Demontageinformationen zugreifen.

Die technischen Standards lehnen sich an bestehende Ökosysteme an: Electronic Code Information Services (EPCIS (GS1)) für Rückverfolgbarkeit und Lieferkettentransparenz, Catena-X für Industriedaten im Automobilsektor, sowie IEC/ISO-Schnittstellen für den Maschinenbau. Die EU-Kommission arbeitet parallel an einer zentralen Registry-Infrastruktur (EUDPP), die als Verzeichnis für Produktidentifikatoren dienen soll, ohne selbst die Produktdaten zu hosten.

Relevanz für Unternehmen und Lieferketten

Die ESPR und der DPP greifen direkt in Produktentwicklung, Einkauf, IT-Architektur und Lieferantenmanagement ein. Die regulatorische Wirkung entfaltet sich auf mehreren Ebenen gleichzeitig, und die Komplexität steigt mit der Tiefe der Lieferkette.

Besonders herausfordernd ist die Datenbeschaffung auf Tier-2- und Tier-3-Ebene. Ein Möbelhersteller, der Holzplatten von einem deutschen Großhändler bezieht, muss künftig wissen, aus welchem Forst das Holz stammt, welche Leimharze verwendet wurden und welchen Carbon Footprint die Herstellung der Spanplatte verursacht hat. Dieses Wissen liegt heute häufig nicht vor, weder beim Hersteller noch beim direkten Lieferanten. Daraus ergeben sich folgende Pflichten für die unterschiedlichen Akteure der Wertschöpfungskette:


Unternehmensrolle
Wesentliche Pflichten unter ESPR / DPP

Hersteller (EU)

DPP-Erstellung und -Pflege, Ökodesign-Konformität nachweisen, Produktregistrierung in der EUDPP-Registry

Importeur

Sicherstellung der DPP-Verfügbarkeit für importierte Waren, Konformitätsprüfung, Haftung bei Verstößen

Händler / Retailer

Weitergabe des DPP an Endkunden; keine Vermarktung von Produkten ohne gültigen und zugänglichen Pass

B2B-Abnehmer

Due-Diligence-Pflicht: PCF- und Materialdaten aktiv von Lieferanten einfordern und in eigene Berichterstattung integrieren

Recycler / EoL-Betreiber (End of Life)

Maschinenlesbarer Zugang zu DPP-Daten für fachgerechte Sortierung, Demontage und Aufbereitung

 

Der DPP ist somit kein isoliertes Regulierungsinstrument, er ist eng mit einer Reihe anderer EU-Anforderungen verzahnt: Mit der CSRD, im Besonderen mit dem Themenstandard ESRS E1 im Hinblick auf die Informationen zu Scope-3-Emissionen in der Lieferkette. Diese Daten sollen über den DDP auf Produktebene bereitgestellt werden. Ebenso ergeben sich Schnittmengen mit der EUDR (Entwaldungsverordnung) bei der Nachweiskette der Herkunft von Hölzern sowie mit REACH bezüglich der Informationen zu SVHC-Gehalten (substances of very high concern).

Handlungsempfehlungen

Für die Umsetzung der Anforderungen der DDPs empfiehlt es sich die gesamte Datenerfassungsstruktur für Umweltdaten zu betrachten und Strukturen zu etablieren, die Doppelarbeit vermeiden. Also statt Einzellösungen für die jeweiligen Produkte, sollten die Anforderungen in jedem Schritt des Lebenszyklus eines Produktes mitgedacht werden. Bei diesem Prozess können die folgenden beispielhaften Leitfragen helfen, um den DDP in den verschiedenen Abteilungen zu berücksichtigen:

  • Entwicklung: Welche Rohstoffe sollten verwendet werden und wie könnten Reparaturfähigkeit und Recyclingfähigkeit aussehen? Welche Daten brauche ich in diesem Zusammenhang?
  • Beschaffung: Welche Lieferanten können Daten liefern und wie sehen die Schnittstellen aus? 
  • IT und Prozessmanagement: Wie werden die benötigten Daten strukturiert und verwaltet und welche Synergien ergeben sich, um Doppelarbeit zu vermeiden und Daten optimal zu nutzen?
  • Produktion: Welche relevanten Emissionen und Stoffe entstehen während meiner Produktion? 

Unternehmen haben in der Regel zwei bis vier Jahre Vorlauf, bevor die ersten delegierten Rechtsakte für ihre jeweilige Produktkategorie verbindlich werden, diese Zeit sollte genutzt werden, um die benötigten Strukturen aufzubauen. 

Unternehmen, die die DPP-Implementierung als isoliertes Compliance-Projekt verstehen, vergeben eine strategische Chance: Wer strukturierte, primärdatenbasierte Produktinformationen frühzeitig sammelt, kann nicht nur regulatorische Anforderungen erfüllen, sondern differenzierte Nachhaltigkeitsaussagen im Kundendialog belegen, Scope-3-Emissionen robuster berichten und Lieferkettenrisiken frühzeitig adressieren. Der DPP bedeutet anfangs mehr dokumentatorischen Aufwand, aber wird langfristig eine Infrastruktur für die nächste Generation des nachhaltigen Produktmanagements werden.

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