Handlungsbedarf für Unternehmen im E-Commerce, Handel und in der Logistik

Die Regelung gilt voraussichtlich bis zum 1. Juli 2028. Anschließend soll der Pauschalzoll durch das geplante EU-Zolldatenzentrum und reguläre Zollsätze abgelöst werden. Ziel der Reform ist es, Wettbewerbsverzerrungen zulasten europäischer Unternehmen zu reduzieren und faire Marktbedingungen zu schaffen. Für Unternehmen entlang der Lieferkette bedeutet dies konkreten Anpassungsbedarf – sowohl operativ als auch strategisch. 

Hintergrund: Schließung einer Regelungslücke im E-Commerce

In den vergangenen Jahren ist das Volumen an Kleinsendungen aus Drittstaaten – insbesondere im B2C-Geschäft – stark gestiegen. Die bisherige Regelung führte in der Praxis dazu, dass nicht-europäische Anbieter teilweise Kostenvorteile gegenüber EU-Unternehmen hatten. Mit dem nun beschlossenen Pauschalzoll schließt die EU eine langjährige Regelungslücke. Gleichzeitig versteht sich die Maßnahme als Zwischenschritt hin zu einer umfassenden Reform des Zollsystems, die stärker digitalisiert, zentralisiert und datengetrieben sein wird.

Für Unternehmen bedeutet dies zweierlei – einerseits den Bedarf einer kurzfristigen Anpassung an die neue Pauschalregelung ab 2026 und andererseits die mittelfristige Vorbereitung auf eine tiefgreifende strukturelle Zollreform ab 2028.

Wer ist betroffen?

Die Neuregelung betrifft insbesondere:

  • Online-Händler mit Direktversand aus Drittstaaten (B2C und B2B)
  • Plattformbetreiber im E-Commerce
  • Importeure von Kleinsendungen unter 150 Euro
  • Logistikdienstleister und Fulfillment-Anbieter
  • Unternehmen mit komplexen Supply-Chain-Strukturen

Auch Unternehmen, die bislang nicht aktiv im Drittlandsgeschäft tätig sind, sollten prüfen, ob sie indirekt betroffen sind – etwa durch Lieferanten, Dropshipping-Modelle oder Plattformanbindungen.


Operative Auswirkungen ab 2026

1. Anpassung von Zollprozessen und Tarifierung

Die Einführung eines Pauschalzolls je Artikelkategorie erfordert eine präzise und konsistente Zolltarifierung. Unternehmen müssen sicherstellen, dass:

  • Artikel korrekt klassifiziert sind
  • IT-Systeme die neuen Abgabenlogiken abbilden können
  • Schnittstellen zwischen Warenwirtschaft, Zollabwicklung und Logistik reibungslos funktionieren

Fehlerhafte Klassifizierungen können zu finanziellen Nachforderungen, Verzögerungen oder Compliance-Risiken führen.

 

2. Zeitliche Abläufe und Informationsfluss

Der zusätzliche Abgabenbestandteil verändert die Prozesskette – vom Bestelleingang bis zur Auslieferung. Unternehmen sollten prüfen:

  • Wie wirkt sich der Pauschalzoll auf Lieferzeiten aus?
  • Sind Vorab-Zollanmeldungen erforderlich?
  • Wie wird die Zollinformation an Kunden kommuniziert?

Gerade im B2C-Geschäft sind transparente Preisangaben und eine klare Kommunikation entscheidend, um Kundenzufriedenheit und Conversion-Rates nicht zu gefährden.

 

3. Kostenkalkulation und Pricing

Auch wenn 3 Euro pro Artikelkategorie auf den ersten Blick moderat erscheinen, kann sich die Wirkung bei hohen Sendungsvolumina erheblich summieren. Unternehmen müssen analysieren:

  • Werden die zusätzlichen Kosten selbst getragen oder weitergegeben?
  • Wie verändern sich Margenstrukturen?
  • Gibt es strategische Anpassungen im Beschaffungsmodell (z. B. Lagerhaltung innerhalb der EU)?

 

Strategische Dimension: Vorbereitung auf 2028

Die Einführung des EU-Zolldatenzentrums markiert einen Paradigmenwechsel im europäischen Zollsystem. Künftig sollen Zollprozesse stärker digitalisiert, zentralisiert und risikobasiert gesteuert werden.

Unternehmen sollten die Übergangsphase bis 2028 nutzen, um:

  • ihre Datenqualität zu verbessern
  • Compliance-Strukturen zu stärken
  • Risiko-Management-Systeme weiterzuentwickeln
  • Cyber-Security-Aspekte im Kontext sensibler Zoll- und Handelsdaten zu prüfen

Insbesondere die zunehmende Digitalisierung erhöht die Anforderungen an IT-Sicherheit und Governance.

 

Risiko- und Compliance-Management neu denken

Die neuen Regelungen sind nicht nur eine operative Herausforderung, sondern auch ein Compliance-Thema.

Unternehmen sollten sich unter anderem folgende Fragen stellen:

  • Sind interne Verantwortlichkeiten im Bereich Zoll klar definiert?
  • Gibt es ein dokumentiertes Kontrollsystem für Zollprozesse?
  • Wie werden Risiken aus Fehlklassifizierung oder Falschanmeldung überwacht?
  • Ist das Unternehmen auf Prüfungen durch Zollbehörden vorbereitet?

Ein robustes internes Kontrollsystem (IKS) für Zoll und Außenhandel wird zunehmend zum Wettbewerbsfaktor.

 

Supply Chain und Geschäftsmodelle überprüfen

Die Reform kann Anlass sein, bestehende Lieferketten grundsätzlich zu hinterfragen. Denkbare Optionen:

  • Verlagerung von Lagerbeständen in EU-Lager
  • Anpassung von Fulfillment-Strukturen
  • Überprüfung von Dropshipping-Modellen
  • Stärkere Bündelung von Sendungen

Ziel sollte es sein, Zollkosten, Prozessaufwand und Risiken gesamthaft zu optimieren – nicht isoliert zu betrachten.

 

Handlungsempfehlungen für Unternehmen

Wir empfehlen, nicht weiter abzuwarten sondern bereits jetzt proaktiv zu handeln: 

  1. Betroffenheitsanalyse durchführen
     Prüfen Sie, ob und in welchem Umfang Ihr Unternehmen von der Neuregelung betroffen ist.
  2. Prozess- und Systemcheck vornehmen
     Analysieren Sie Ihre bestehenden Zoll- und IT-Prozesse im Hinblick auf Anpassungsbedarf.
  3. Kosten- und Margenwirkungen simulieren
     Erstellen Sie Szenarioanalysen für unterschiedliche Volumen- und Preisstrukturen.
  4. Compliance-Strukturen stärken
     Implementieren oder optimieren Sie ein internes Kontrollsystem für Zoll- und Außenhandelsthemen.
  5. Strategische Vorbereitung auf 2028 starten
     Nutzen Sie die Übergangsphase, um Ihre Organisation auf das zukünftige EU-Zolldatenmodell vorzubereiten.

 

Fazit

Die neuen Zollvorschriften für kleine Pakete ab dem 1. Juli 2026 sind mehr als eine administrative Anpassung. Sie sind ein zentraler Baustein der europäischen Zollmodernisierung und ein deutliches Signal für faire Wettbewerbsbedingungen im internationalen E-Commerce.

Für Unternehmen bedeutet dies: Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, Prozesse, Systeme und Geschäftsmodelle auf den Prüfstand zu stellen. Wer frühzeitig handelt, minimiert Risiken, sichert Compliance und schafft die Grundlage für eine zukunftsfähige, resiliente Supply Chain.

BDO unterstützt Sie dabei, die Auswirkungen auf Ihr Unternehmen strukturiert zu analysieren und praxisnahe Lösungen zu entwickeln – von der Betroffenheitsanalyse über Prozessoptimierung bis hin zur strategischen Neuausrichtung.

Dieser Artikel wurde verfasst von

Holger Bauer
Dipl. Wirtschaftsjurist (FH), Partner, Tax & Legal
German Indirect Tax