Cyberangriffe auf Supermarkt-Kühlanlagen zeigen, wie weit die digitale Angriffsfläche von Unternehmen inzwischen reicht. Vernetzte technische Systeme und externe Fernwartungszugänge müssen deshalb stärker in den Fokus der Cybersicherheit rücken.

Ein Supermarkt, dessen Kühlanlagen plötzlich nicht mehr kühlen, sondern heizen: Was zunächst wie ein ungewöhnlicher technischer Defekt klingt, ist in mehreren europäischen Ländern offenbar auf gezielte Cyberangriffe zurückzuführen. Auch in Deutschland wurden Anfang November 2026 entsprechende Vorfälle bei Supermärkten verschiedener Handelsketten bekannt. Angreifer manipulierten die Steuerung von Kühlanlagen, sodass große Mengen gekühlter und tiefgekühlter Lebensmittel unbrauchbar wurden. In einem besonders drastischen Fall wurden Temperaturen von bis zu 50 Grad Celsius erreicht.

Die Vorfälle machen deutlich, dass Cyberangriffe längst nicht mehr nur klassische IT-Systeme, Unternehmensdaten oder digitale Kommunikationswege betreffen. Auch technische Anlagen, die für den laufenden Geschäftsbetrieb unverzichtbar sind, können zum Ziel werden. Für Unternehmen stellt sich damit eine grundsätzliche Frage: Ist tatsächlich die gesamte digitale Infrastruktur ausreichend geschützt – oder gibt es Bereiche, die bislang kaum als potenzielle Angriffsfläche wahrgenommen werden?


Die digitale Angriffsfläche endet nicht bei der IT

In den vergangenen Jahren haben Unternehmen ihre technischen Systeme zunehmend miteinander vernetzt. Produktionsanlagen werden zentral überwacht, Gebäude- und Klimatechnik lässt sich aus der Ferne steuern, Sensoren übermitteln kontinuierlich Betriebsdaten und externe Dienstleister greifen für Wartungs- und Servicearbeiten auf technische Anlagen zu.

Diese Vernetzung schafft Effizienz und ermöglicht neue Formen der Automatisierung. Gleichzeitig entstehen zusätzliche Schnittstellen und Zugänge, die auch für Angreifer interessant sein können.

Besonders relevant sind dabei sogenannte Operational-Technology-Systeme (OT). Darunter fallen technische Systeme, die physische Prozesse überwachen oder steuern – beispielsweise in der Produktion, der Energieversorgung, der Gebäudetechnik oder der Logistik. Hinzu kommen Geräte und Komponenten aus dem Internet of Things (IoT), die Daten erfassen, austauschen und teilweise eigenständig Aktionen auslösen.

Anders als klassische IT-Systeme sind solche Anlagen häufig auf eine lange Nutzungsdauer ausgelegt. Unterschiedliche Hersteller, Softwarestände und technische Generationen treffen aufeinander. Sicherheitsupdates lassen sich nicht immer kurzfristig einspielen, weil sie den laufenden Betrieb beeinträchtigen könnten oder nicht für alle Komponenten verfügbar sind. Gleichzeitig wurden viele dieser Systeme ursprünglich nicht unter den heutigen Anforderungen an eine umfassende Vernetzung und Cybersicherheit entwickelt.

Eine zusätzliche Herausforderung entsteht durch externe Wartungs- und Fernzugänge. Sie ermöglichen Herstellern und technischen Dienstleistern, Anlagen effizient zu überwachen und Störungen aus der Ferne zu beheben. Werden diese Zugänge jedoch nicht konsequent abgesichert, können sie selbst zum Einfallstor für Cyberangriffe werden. Die aktuellen Vorfälle im Lebensmitteleinzelhandel verdeutlichen, dass dabei auch Abhängigkeiten von externen Technologie- und Serviceanbietern eine wichtige Rolle spielen.


Wenn ein technischer Angriff zum Geschäftsrisiko wird

Die möglichen Folgen reichen weit über einen vorübergehenden IT-Ausfall hinaus. Werden technische Steuerungssysteme manipuliert, können Produktionsprozesse unterbrochen, Warenbestände beschädigt, Lieferketten beeinträchtigt oder ganze Betriebsbereiche vorübergehend stillgelegt werden.

Dabei muss ein Angreifer nicht zwangsläufig Zugriff auf sensible Unternehmensdaten erlangen oder eine klassische Ransomware-Attacke durchführen. Bereits die gezielte Veränderung einzelner Steuerungsparameter kann erhebliche wirtschaftliche Schäden verursachen.

Das gilt nicht nur für den Lebensmitteleinzelhandel. Vergleichbare Risiken bestehen überall dort, wo Unternehmen auf vernetzte technische Infrastruktur angewiesen sind: in der industriellen Fertigung, der Energie- und Wasserversorgung, der Logistik, im Gesundheitswesen oder im Gebäudemanagement.

Die zentrale Herausforderung besteht darin, dass Unternehmen ihre technische Infrastruktur häufig aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten. Während die IT-Sicherheit klassische Netzwerke, Server und Anwendungen in den Blick nimmt, werden technische Anlagen und deren Kommunikationsschnittstellen nicht immer mit derselben Konsequenz untersucht. Dabei können gerade die Verbindungen zwischen IT, OT und externen Dienstleistern entscheidende Schwachstellen aufweisen.


Sicherheitslücken erkennen, bevor Angreifer sie ausnutzen

Um die tatsächliche Sicherheit vernetzter Systeme beurteilen zu können, reicht es nicht aus, vorhandene Schutzmaßnahmen lediglich zu dokumentieren oder auf bekannte Schwachstellen zu überprüfen. Entscheidend ist, wie widerstandsfähig die Systeme gegenüber realistischen Angriffen sind.

Genau hier setzt Offensive Security an. Bei diesem Ansatz werden Systeme und Infrastrukturen kontrolliert aus der Perspektive potenzieller Angreifer untersucht. Ziel ist es, Sicherheitslücken, Fehlkonfigurationen und unzureichend abgesicherte Schnittstellen aufzudecken, bevor diese tatsächlich ausgenutzt werden können.

Penetration Testing ermöglicht eine gezielte Überprüfung der Sicherheit von IT- und OT-Infrastrukturen, Netzwerken und Anwendungen. Dabei wird untersucht, ob und auf welchen Wegen ein unberechtigter Zugriff möglich wäre und welche Auswirkungen sich daraus ergeben könnten.

Eine besondere Bedeutung kommt dem IoT & Embedded Penetration Testing zu. Hier stehen die Geräte und technischen Komponenten selbst im Mittelpunkt. Untersucht werden beispielsweise Kommunikationsschnittstellen, Firmware, Update-Mechanismen, Debugging-Funktionen und physische Anschlüsse. Gerade bei vernetzten Steuerungs- und Überwachungssystemen können solche Untersuchungen entscheidende Erkenntnisse liefern.

Ergänzend dazu prüft OT Penetration Testing, wie gut industrielle und technische Steuerungssysteme gegen gezielte Angriffe geschützt sind. Dabei müssen die besonderen Anforderungen dieser Umgebungen berücksichtigt werden: Sicherheit und Verfügbarkeit haben höchste Priorität, und Tests dürfen keine unkontrollierten Auswirkungen auf laufende Prozesse verursachen. Eine sorgfältige Planung und Abstimmung mit den Verantwortlichen ist deshalb unverzichtbar.


Nicht nur Schwachstellen finden, sondern die Abwehr auf die Probe stellen

Die Identifikation technischer Schwachstellen ist ein wichtiger Schritt. Ebenso entscheidend ist jedoch die Frage, ob ein Unternehmen einen Angriff tatsächlich erkennt und wirksam darauf reagieren kann.

Hier setzt Red Teaming an. Im Rahmen kontrollierter Angriffssimulationen werden realistische Angriffsszenarien nachgebildet, um die vorhandenen Sicherheitsmechanismen und Reaktionsprozesse zu überprüfen. Dabei geht es nicht allein darum, ob ein Angreifer technische Schutzmaßnahmen überwinden könnte. Vielmehr wird auch untersucht, ob verdächtige Aktivitäten erkannt, richtig bewertet und rechtzeitig abgewehrt werden.

Für Unternehmen entsteht so ein umfassenderes Bild ihrer Sicherheitslage: Welche Systeme sind besonders exponiert? Welche Zugangswege bieten potenzielle Angriffspunkte? Wie weit könnte ein Angreifer innerhalb der Infrastruktur vordringen? Und funktionieren die vorgesehenen Erkennungs- und Abwehrmechanismen auch unter realistischen Bedingungen?


Offensive Security als Bestandteil einer ganzheitlichen Sicherheitsstrategie

Die aktuellen Angriffe auf Supermarkt-Kühlanlagen zeigen eindrücklich, dass Cybersicherheit nicht an den Grenzen der klassischen IT enden darf. Unternehmen müssen auch ihre vernetzten technischen Anlagen, Kommunikationsschnittstellen und externen Zugänge in ihre Sicherheitsbetrachtung einbeziehen.

Dazu gehört zunächst, die eigene Angriffsfläche vollständig zu erfassen und kritische Abhängigkeiten sichtbar zu machen. Darauf aufbauend sollten technische Systeme regelmäßig und risikobasiert überprüft werden. Besonders wichtig sind dabei die Schnittstellen zwischen IT und OT sowie die Zugänge externer Dienstleister. Ergänzend müssen erkannte Schwachstellen konsequent behoben und die Wirksamkeit der Schutzmaßnahmen regelmäßig überprüft werden.

Die Expertinnen und Experten der BDO Cybersecurity GmbH unterstützen Unternehmen dabei, ihre Sicherheitslage aus der Perspektive potenzieller Angreifer zu bewerten. Mit Leistungen in den Bereichen Penetration Testing, OT Penetration Testing, IoT & Embedded Penetration Testing und Red Teaming werden technische Schwachstellen identifiziert und bestehende Sicherheitsmaßnahmen unter realistischen Bedingungen auf die Probe gestellt.

Denn wer seine Infrastruktur wirksam schützen möchte, muss wissen, wo ein Angriff ansetzen könnte – bevor es andere herausfinden.

Dieser Artikel wurde verfasst von

Dr. Antje Winkler
Partnerin, Division Lead Offensive Security, BDO Cyber Security GmbH