Wir blicken auf die Lage des deutschen Kreditmarkts vor dem Hintergrund anhaltender wirtschaftlicher Unsicherheiten, erhöhter Risiken, insbesondere durch geopolitische Verwerfungen wie die jüngste Eskalation im Iran, und struktureller Veränderungen. Insgesamt zeichnet sich ein Spannungsfeld zwischen Risikoausweitung und Transformationsdruck ab, bei dem Banken zwischen Vorsicht in der Kreditvergabe und Investitionen in technologische und nachhaltige Zukunftsthemen navigieren müssen.
Deutschland befand sich 2025 im dritten Rezessionsjahr hintereinander, getrieben durch schwache Wachstumsimpulse, hohe Energie- und Finanzierungskosten sowie geopolitische Spannungen. Diese Rahmenbedingungen verschärfen die Risikolage in Kreditportfolios und führen zu einem Spannungsfeld aus Kreditnachfrage und -angebot mit dem Ergebnis eines an Bedeutung und Risiko-Exposure gewinnenden Private Credit Umfelds.
In dem aktuellen geopolitischen Umfeld gewinnen Flexibilität und Handlungsschnelligkeit im Risikomanagement zunehmend an Bedeutung. Good Practices umfassen hier bspw. klar geregelte Governance-Strukturen in Abhängigkeit des jeweiligen Risikoszenarios, Playbooks, die Ausweitung von Stresstests und Simulationen sowie die Auswertung von Ad-hoc-Risikodaten nach Exposure-Volumina, Sicherheitenwerten sowie regionalen und sektoralen Konzentrationen. Während geopolitische Risiken in der kurzen Frist eher wenig materielle Auswirkungen in Bezug auf die Entwicklung von Asset-Bewertungen an den Kapitalmärkten zeigen, gilt es ein Hauptaugenmerk auf tektonische und strukturelle Veränderungen der ökonomischen Nachhaltigkeit der Geschäftsmodelle von Kreditkunden in der mittleren Frist zu legen.
Das Zinsumfeld bleibt hierbei anfällig für Richtungsänderungen: Eine klare Richtung für Zinssentwicklungen wird mehr denn je von geopolitischen Risiken beeinflusst. Demzufolge ist unter den Kreditinstituten eine gespaltene Erwartungslage zu erkennen, bei der Teile der Institute moderate Zinssenkungen und andere moderate Anstiege antizipieren.
In der aufsichtsrechtlichen Perspektive hat die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) in ihrem Bericht „Risiken im Fokus 2025“ mehrere Risikoquellen identifiziert, die für die Aufsicht und Portfolioqualität der Banken relevant sind. Dazu zählen insbesondere Risiken aus Korrekturen an den Immobilienmärkten, steigende Unternehmens- und Konsumentenkreditrisiken, Risiken aus Marktvolatilität, Cyber-Vorfallsrisiken und Risiken bei Auslagerungen sowie Geldwäscheprävention. Die BaFin betont die Bedeutung einer fortlaufenden Überwachung der Immobilienkreditportfolios, strenger Prüfprozesse und einer angemessenen Risikovorsorge.
Ein zentrales Thema ist die andauernde Problemzone bei gewerblichen Immobilienfinanzierungen. Rund 70 Prozent aller Banken im deutschen Markt sehen dieses Segment als das größte Risiko im Fremdkapitalgeschäft der nächsten 12 Monate. Hauptbelastungsfaktoren sind gestiegene Bau- und Finanzierungskosten, Preisrückgänge bei Büro-, Einzelhandels- und Hotelimmobilien sowie strukturelle Nachfrageveränderungen. Diese Faktoren erhöhen die Wahrscheinlichkeit von Kreditverlusten und Wertberichtigungen in den Portfolios, was wiederum Druck auf die Risikovorsorge der Institute erzeugt.
Die Lage bei Wohnimmobilien ist differenzierter: Während der Markt für Wohnimmobilien durch eine stabilere Nachfrage gekennzeichnet ist als der Markt für Gewerbeimmobilien, bleiben Anschlussfinanzierungen und Preisentwicklungen insbesondere in Randlagen herausfordernd.
Trotz des schwierigen Umfelds erwartet eine knappe Mehrheit der Institute eine leichte Steigerung der Kreditvergabe in den kommenden zwölf Monaten, wobei ein signifikanter Teil gleichzeitig stabile oder rückläufige Kreditvergabe erwartet. Parallel dazu rechnen viele Banken mit steigenden Ausfallquoten (NPL= Non-Performing Loans) und verschärfen daher ihre Vergaberichtlinien. Etwa zwei Drittel der Institute haben ihre Kreditstandards bereits restriktiver gestaltet. Zu den Maßnahmen zählen strengere Loan-to-Value-Grenzen, höhere Anforderungen an Schuldendienstdeckungsquoten und konservativere Bewertungsansätze.
Vor diesem Hintergrund sind Banken verstärkt gezwungen, Risikovorsorge und Forbearance-Strategien zu adaptieren. Forbearance-Maßnahmen wie Laufzeitverlängerungen, angepasste Zins- und Tilgungspläne oder temporäre Stundungen werden genutzt, um Zahlungsausfälle zu verzögern oder zu mindern. Diese Taktiken bieten kurzfristige Entlastungen, können aber die strukturellen Risiken nicht vollständig eliminieren, insbesondere wenn die wirtschaftliche Erholung ausbleibt.
Die Refinanzierungsmöglichkeiten der Institute gelten überwiegend als solide. Einlagen, Interbankgeschäfte und Refinanzierungsfenster der Europäischen Zentralbank bieten eine stabile Basis. Dennoch steht die Profitabilität unter Druck: Höhere Risikovorsorge, Margendruck im Kreditgeschäft und regulatorische Belastungen schmälern die Zinsspannen. Gleichzeitig erwarten einige Institute Chancen in spezialisierten, margenstärkeren Segmenten oder im Dienstleistungsbereich (z. B. Wertpapierdienstleistungen).
Digitale Transformation und der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) im Kreditgeschäft stellen wichtige Hebel zur Effizienzsteigerung dar. Trotz großer technischer Potenziale verläuft die Implementierung in vielen Häusern noch schleppend, insbesondere in Bereichen des Client Onboardings, Prozessautomatisierung und des Kreditentscheidungsmanagements. Insbesondere die hohen Investitionsbudgets von internationalen Großbanken erhöhen den Transformations- und Wettbewerbsdruckdruck, was Konsolidierungstendenzen verstärkt. In der strategischen Agenda von Instituten ist Integration von ESG-Kriterien (Environmental, Social, Governance) in Kreditprozesse nach wie vor strategisch relevant, allerdings in der Priorisierung mittlerweile gegenüber. anderen Investitionen nachrangiger. Zudem beobachten wir nach wie vor erhebliche operative und regulatorische Herausforderungen (z. B. EU-Taxonomie-Konformität, Messung von Scope 3 Emissionen, robuste Kreditentscheidungsverfahren unter Berücksichtigung von ESG-Risikotreibern).
Die BaFin-Risikoberichterstattung 2025 unterstreicht, dass sich Kreditinstitute auch weiterhin stark auf Risikomanagement, Stress-Tests und Kapital-/Liquiditätspuffer fokussieren müssen, um eine robuste Balance zwischen Risikoabsicherung und Kreditvergabe zu halten. Die Aufsicht fordert eine präventive Risikovorsorge, insbesondere bei potenziellen Korrekturen am Immobilienmarkt, und engmaschige Beobachtung von Portfolioentwicklungen. Zyklische und strukturelle Risiken, wie sie durch geopolitische Volatilität und makroökonomische Schwächen entstehen, gehören ebenfalls in die Implementierungsagenda der Kreditrisikomodelle. Problematisch ist das sich ausweitende Ungleichgewicht der Regulierungsintensität im Bankenmarkt gegenüber dem Private Credit Umfeld. Dies erhöht das Risiko, dass sich einzelne bzw. systematische Risiken zunehmend außerhalb des regulierten Institutsumfelds in intransparenter Weise konzentrieren.
Der deutsche Kreditmarkt befindet sich in einer Phase signifikanter struktureller Anpassungen. Die Institute stehen vor der Herausforderung, Risiken konsequent zu überwachen, die Portfolioqualität zu sichern und gleichzeitig in digitale Transformation, KI-gestützte Prozesse und ESG-Integration zu investieren, um langfristige Wettbewerbsfähigkeit zu gewährleisten. Insbesondere im Segment der gewerblichen Immobilienkredite bleibt die Risikobewertung ein zentraler Prüfstein, während regulatorische Erwartungen der BaFin an Risikovorsorge und systematische Überwachung die Risikokultur weiter schärfen.
Die kommenden zwölf Monate werden entscheidend dafür sein, wie Banken ihre Strategien zwischen Risikobegrenzung und Wachstum ausbalancieren.

