Von der Risikoanalyse zur systematischen Verbesserung

Die Bow-Tie-Analyse ist eine vielseitige Methode im Risikomanagement – sie lässt sich sowohl präventiv als auch reaktiv einsetzen. Präventiv hilft sie dabei, potenzielle Risikoereignisse bereits im Vorfeld strukturiert zu durchdenken: Welche Ursachen könnten ein Risiko auslösen? Welche Kontrollen verhindern den Eintritt? Welche Folgen wären zu bewältigen? Reaktiv dient sie der systematischen Aufarbeitung tatsächlich eingetretener Vorfälle oder Leistungsabweichungen, um direkte und indirekte Ursachen sowie konkrete Folgewirkungen zu analysieren.

Sie eignet sich damit gleichermaßen für die vorausschauende Risikoidentifikation wie für die strukturierte Vorfallanalyse – und schafft so die Grundlage für eine wirklich systematische Verbesserung.

Eine Bow-Tie-Analyse hilft Ihnen, ein vollständiges Bild Ihrer Risikoereignisse zu gewinnen: nicht nur, was passiert ist, sondern auch warum – und welche Auswirkungen daraus entstanden sind. Durch die visuelle Darstellung von Ursachen und Folgen unterstützt Sie diese Technik dabei, über die Reaktion auf einen einzelnen Vorfall hinauszugehen und eine wirklich systematische Verbesserung zu erzielen.

Lesen Sie weiter und erfahren Sie, wie die Bow-Tie-Analyse Ihr Verständnis von Risikofaktoren vertieft und Ihnen hilft, eine widerstandsfähigere Organisation aufzubauen.


Die wichtigsten Konzepte eines Bow-Tie-Analyse-Rahmenwerks

Die Bow-Tie-Analyse ist eine fortgeschrittene Form der Ursachenanalyse, die sich auf die Identifizierung Ihrer zentralen Risikotreiber konzentriert. Ob Sie sie als ursächliche Faktoren, Risikofaktoren oder Risikotreiber bezeichnen: Diese Elemente beschreiben, was Vorfälle verursacht oder die Wahrscheinlichkeit negativer Folgen erhöht.

Der Name „Bow Tie“ (Fliege) leitet sich von der charakteristischen Form ab: Im Zentrum steht das Risikoereignis – der Vorfall, der eingetreten ist oder potenziell eintreten könnte. Links werden die Ursachen strukturiert, rechts die Auswirkungen und die Bewältigung.

Linke Seite (Ursachen): Ordnen Sie die Ursachen zu, indem Sie wiederholt fragen, warum das Ereignis eingetreten ist – inklusive Ursachen von Ursachen. Führen Sie dies fort, bis Sie bei Ursachen ankommen, die außerhalb des Einflussbereichs Ihrer Organisation liegen.

Rechte Seite (Folgen und Bewältigung): Dokumentieren Sie direkte und indirekte Auswirkungen sowie Maßnahmen, die zur Bewältigung ergriffen wurden. Diese Seite beleuchtet sowohl detektierende Maßnahmen (wie schnell Sie das Problem erkannt haben) als auch korrigierende Kontrollen/Korrekturmaßnahmen (wie effektiv Sie die Folgen begrenzt haben).

Beispiel zur Veranschaulichung

Stellen Sie sich vor, Ihr Unternehmen hat Verträge an einen Kunden versendet, ohne Zinssätze anzugeben. Im Zentrum der Bow-Tie steht das Ereignis: „Verträge ohne Zinssätze versendet“.

Weiter links fragen Sie:

  • „Warum ist das passiert?“ – möglicherweise hat ein System/Template fehlerhaft gearbeitet.
  • „Warum war das fehlerhaft?“ – z. B. ein Programmier- oder Konfigurationsfehler.
  • „Warum gab es diesen Fehler?“ – z. B. fehlende oder unzureichende Tests/Abnahmen.

Diese Befragung wird fortgesetzt, bis die maßgeblichen Ursachen identifiziert sind – einschließlich des Versagens oder Fehlens präventiver Kontrollen.

Auf der rechten Seite dokumentieren Sie:

  • Erkennung: Wie wurde das Problem erkannt (Kundenhinweis, interne Überwachung, Prüfung, externe Kontrolle)?
  • Direkte Folgen: z. B. finanzielle Verluste, Compliance-Verstöße, operative Nacharbeit
  • Indirekte Folgen: z. B. Entschädigungen, Reputationsschäden, Sanktionen

Mit diesem einfachen grafischen Tool können Risikomanagerinnen und Risikomanager viele relevante Informationen strukturiert erfassen. Umfassende Bow-Tie-Analysen erfordern die Zusammenarbeit aller Beteiligten, die an Ursachen oder Folgen beteiligt waren.

Vorteile von Bow-Tie-Analysen: Muster über Vorfälle hinweg erkennen

Der offensichtlichste Vorteil ist das tiefere Verständnis einzelner Vorfälle. Die eigentliche Stärke zeigt sich jedoch, wenn mehrere Analysen vergleichbar aufgebaut sind und Sie dadurch wiederkehrende Muster erkennen: Ursachen, die bei mehreren Vorfällen auftreten, oder Kontrollen, die wiederholt versagen (z. B. schwache Aufgabentrennung oder eine ineffektive Vier-Augen-Prüfung).

Auch auf der Folgenseite werden Muster sichtbar – etwa lange Erkennungszeiten, wiederkehrende Kundenbeschwerden oder typische Eskalationsverläufe. Diese Muster liefern wertvolle Hinweise auf systemische Schwächen und helfen, zukünftige Vorfälle zu verhindern.

Wenn Sie beispielsweise feststellen, dass „unzureichende Tests“ bei mehreren Software-Einführungen als Ursache auftauchen, deutet das auf eine Schwäche im Test- und Freigabeprozess hin – nicht auf ein isoliertes Problem. Wenn Sie umgekehrt wiederholt eine verzögerte Erkennung beobachten, spricht das für Lücken in Ihren Überwachungs- und Kontrollmechanismen.

Durch die Identifizierung solcher Muster können Sie gezielte Verbesserungen umsetzen, die strukturelle Ursachen statt Symptome adressieren.

Aus Erfolgen lernen: die „positive“ Bow-Tie-Analyse

Traditionelles Risikomanagement fokussiert häufig auf Fehler – dabei sind Erfolge eine ebenso wertvolle Erkenntnisquelle. Die Psychologie beschreibt, dass negative Erfahrungen oft stärker wirken als positive („Negativitätsverzerrung“). Umso wichtiger ist es, Erfolge bewusst zu analysieren.

Warum also nicht eine Bow-Tie-Analyse auf Situationen anwenden, in denen außergewöhnlich viel gut gelaufen ist?

  • Projekte mit knappen Fristen, die dennoch termingerecht abgeschlossen wurden
  • Systemstörungen, die ohne Kundenbeschwerden bewältigt wurden
  • Komplexe IT-Umstellungen, die fehlerfrei durchgeführt wurden

Aus der Analyse erfolgreicher Projekte lassen sich häufig drei Lehren ableiten:

  1. Plan A und Plan B: Ein tragfähiger Plan B erhöht die Umsetzungssicherheit und reduziert Entscheidungsstress.
  2. Rat und Unterstützung: Komplexe Herausforderungen profitieren von zusätzlichen Perspektiven und Ressourcen.
  3. Wachsam und flexibel bleiben: Kontinuierliche Beobachtung und schnelle Anpassung sind zentrale Erfolgsfaktoren.

Dieser positive Ansatz ersetzt traditionelle Methoden nicht – er ergänzt sie und schafft ein ausgewogeneres Risikomanagementsystem.

Fazit

Die Bow-Tie-Analyse zählt zu den leistungsstärksten Instrumenten im Risikomanagement. Sie liefert Erkenntnisse, die weit über die Dokumentation von Vorfällen hinausgehen. Durch die strukturierte Darstellung von Ursachen und Auswirkungen erhalten Sie ein klares Bild davon, was Schwachstellen verursacht – und wie wirksam Ihre Kontrollen sind.

Der wahre Wert entsteht, wenn Sie über einzelne Vorfälle hinausblicken, um Muster zu erkennen, führende Indikatoren zu entwickeln und sowohl aus Fehlern als auch aus Erfolgen zu lernen. Dieser ganzheitliche Ansatz verwandelt Risikomanagement von einer reaktiven, auf Compliance ausgerichteten Disziplin in eine strategische Fähigkeit, die Resilienz und nachhaltige Leistungsfähigkeit fördert.

 

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