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Blickpunkt: Reverse Factoring nach IAS 39

IAS 39: Einleitung

Das reverse factoring (supplier finance arrangement) ist eine mögliche Finanzierungsform zur Verbesserung der Liquiditätslage. Im Gegensatz zum klassischen factoring wird aber die Perspektive gewechselt: Das bilanzierende Unternehmen tritt keine Forderungen, sondern Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen des Lieferanten an einen Finanzierer (Factor/Bank) ab. Zwischen dem bilanzierenden Unternehmen als Initiator der Transaktion und dem Factor wird ein Rahmenvertrag geschlossen, in dem sich der Factor verpflichtet die Verbindlichkeiten ggü. dem Lieferanten vorzufinanzieren. Der Lieferant wird zum klassischen factoring-Kunden, welcher seine Forderungen gegen sofortige Zahlungen des Factors im Rahmen eines ergänzenden Vertrags - nach Zustimmung des Initiators -  abtritt. Der Abschluss einer solchen Vereinbarung kann sowohl für bestehende als auch für künftig entstehende Verpflichtungen abgeschlossen werden. 

IAS 39: Vertragsgestaltungen des Reverse Factoring

Fraglich ist, ob aus Sicht des bilanzierenden Unternehmens als Initiator der Transaktion aufgrund der veränderten Konditionen eine Ausbuchung der ursprünglichen Verbindlichkeit aus Lieferungen und Leistungen notwendig wird. Ob eine wesentliche Modifikation der Vertragsbedingungen vorliegt, ist in quantitativer und qualitativer Hinsicht zu überprüfen:

  • Quantitative Beurteilung nach IAS 39.AG62 (Barwerttest): Weicht der Barwert der neuen Verbindlichkeit um mindestens 10% von der alten Verpflichtung ab, liegt eine wesentliche Änderung der Vertragskonditionen vor.
  • Qualitative Beurteilung: Wurde die Verlängerung eines Zahlungsziels vereinbart? Wurden zusätzliche (Zins)-Zahlungen zwischen den Vertragsparteien vereinbart? Wurden andere Vertragskonditionen angepasst?

Die bilanzielle Abbildung hat im Rahmen einer Gesamtbetrachtung unter Einbeziehung aller Fakten und Umstände der Einzeltransaktion zu erfolgen. In qualitativer Hinsicht ist bereits ein Hinweis auf eine wesentliche Vertragsänderung (z.B. Verlängerung des Zahlungsziels) ausreichend. Darüber hinaus ist eine Ausbuchung auch angezeigt, wenn die qualitative Analyse eine wesentliche Änderung der Vertragskonditionen ergibt. Da die Verbindlichkeit ggü. dem Lieferanten meist kurzfristig und in der Folge unverzinslich ist, ergibt sich meist in quantitativer Hinsicht keine wesentliche Abweichung der Barwerte zwischen neuer und alter Verpflichtung, sodass die qualitative Betrachtung bedeutend ist.
Im Falle der Ausbuchung aufgrund von wesentlichen Veränderungen der Vertragskonditionen ist wie beim Erlass der Verpflichtung durch den Lieferanten ein Passivtausch angezeigt. In beiden Fallvarianten ist eine sich ergebende Differenz zwischen Buchwert der abgehenden Verpflichtung und dem Zugangswert der neuen Verbindlichkeit zum fair value ergebniswirksam abzubilden.

Beispiel: Übertragung einer bestehenden Verpflichtung
Abnehmer A bezieht von mehreren Lieferanten unterschiedliche Autobestandteile (Motoren, Abgasanlagen und Karosserien) für einen Gesamtbetrag in Höhe von 1000 GE und setzt diese in seinem Werk zusammen. Bei den Lieferanten handelt es sich um Mittelständler, dessen weiterer Produktionsprozess von der kurzfristigen Begleichung der Forderungen des A abhängt. A ist auf eine stabilen Produktions- und Lieferprozess angewiesen, kann aber das von den Lieferanten geforderte Zahlungsziel von 30 Tagen nicht einhalten. In der Folge vereinbart A mit der Bank die Übernahme der Forderungen der Lieferanten; die Bank zahlt die Lieferanten aus und räumt A ein Zahlungsziel von 450 Tagen zzgl. eines halbjährig zu entrichtenden Zinszahlungen in Höhe von 5,5% ein. Die Verbindlichkeit aus Lieferungen und Leistungen ist auszubuchen. Stattdessen ist eine Bankverbindlichkeit einzubuchen:
Per Verbindlichkeit aus L+L an Bankverbindlichkeit 1000 GE

Beispiel (Fortsetzung): Übertragung von künftigen Verpflichtungen
Abnehmer A und die Bank vereinbaren, dass die Bank auch künftige Verpflichtungen von A ggü. seinen Lieferanten übernimmt. Die Erfassung einer Verbindlichkeit aus Lieferungen und Leistungen scheidet somit per se aus. Vielmehr ist eine Darlehensbeziehung zwischen Bank und A zu bilanzieren. 

IAS 39: Ausweis in der Kapitalflussrechnung

In Bezug auf den Ausweis in der Kapitalflussrechnung muss differenziert werden zwischen reverse factoring-Vereinbarungen, bei denen die Verbindlichkeit aus Lieferungen und Leistungen bestehen bleibt und solchen, bei denen es zur Einbuchung einer Bankverbindlichkeit kommt. Wird die Verbindlichkeit nicht umklassifiziert, sind die Auszahlungen für den Leistungsbezug im operativen Cashflow auszuweisen.  
Wird hingegen durch Einschaltung des Finanzierers eine Darlehensverbindlichkeit begründet, leistet der Finanzierer einen Kapitaldienst und die Auszahlungen des Initiators sind dem Cashflow aus Finanzierungstätigkeit zuzuordnen. Problematisch ist in der Folge eine eingeschränkte Aussagekraft des operativen Cashflows als Schlüsselindikator dafür, welche Zahlungsmittelüberschüsse erwirtschaftet wurden, um Verbindlichkeiten zu tilgen (IAS 7.13). So ist bspw. ein Zufluss aus der Weiterveräußerung der vom Lieferanten empfangenen Waren im operativen Cashflow auszuweisen, während korrespondierende Abflüsse durch Aufnahme einer Darlehensverbindlichkeit und Zinszahlungen aus der reverse factoring-Vereinbarungen mit dem Finanzierer ausschließlich dem Finanzierungsbereich zugewiesen werden. Eine direkte Vergleichbarkeit der Zu- und Abflüsse, wie nach IAS 7.13 gefordert, ist nicht gegeben. U.E. sind die Auszahlungen an den Finanzierer in weiter Auslegung aufgrund dessen dem operativen Bereich zuzuordnen.

Quellen:
Freiberg in PiR 5/2015, S. 148 ff.
Entwurf der Fortsetzung zu IDW RS HFA 9