Delphi-Studie: E-Mobilitätsziele nicht mehr erreichbar

15. September 2017

Am Vorabend der überregional bedeutsamen Messe der Energiewirtschaft „Husum Wind“ stellte Dr. Oliver Rottmann, Geschäftsführender Vorstand des Kompetenzzentrums Öffentliche Wirtschaft, Infrastruktur und Daseinsvorsorge e.V. an der Universität Leipzig gemeinsam mit Energie-Experten von BDO die ersten Ergebnisse einer - noch nicht veröffentlichten - gemeinsam erstellten bundesweiten „Delphi-Studie“ zur E-Mobilität vor. Die Expertenbefragung ergab, dass die Mehrheit das Erreichen der von der Bundesregierung gesteckten Ziele nicht mehr für möglich hält.

Angesichts eines bisherigen Abverkaufs von nur 37.000 reinen Elektrofahrzeugen werde man das angestrebte Ziel von einer Million verkaufter Autos bis zum Jahre 2020 in Deutschland verfehlen. Damit rücke auch das postulierte Ziel der Bundesregierung, bis zu diesem Zeitpunkt der Leitanbieter und -markt der E-Mobilität in Europa zu entwickeln, in weite Ferne. Angesichts der rasanten Entwicklungssprünge in China und Nordamerika sei auch das Ziel, bis zum Jahr 2030 sechs Millionen Elektroautos „auf die Straße zu bringen“, sehr unrealistisch.

Der Leiter des Branchencenters Energiewirtschaft bei BDO, André Horn, machte zugleich deutlich, dass gerade jetzt in der aktuellen Diskussion um Luftqualität in den Städten und den drüber hinaus bestehenden Klimaschutzzielen neben dem Stromsektor die lange Jahre in der Diskussion und Politik vernachlässigten Sektoren Verkehr und Wärme entscheidende Beiträge leisten. Elektromobilität kann im Verkehrssektor eine Schlüsselrolle spielen und ist ein wichtiges Element zur weiteren Kopplung der Sektoren. Er verwies insbesondere darauf, dass es nun auch an der Politik sei, einen verlässlichen und fördernden Rahmen für die Elektromobilität zu schaffen. Dazu gehören die Etablierung von Standards und die Förderung einer leistungsfähigen Infrastruktur.

Im Anschluss fand eine Podiumsdiskussion zum Stand der Elektromobilität in Deutschland und Schleswig-Holstein statt. Die Teilnehmer aus Politik und Wirtschaft diskutierten unter anderem über Erneuerbare Energien, den Ausbau der Ladeinfrastruktur für Elektroautos und steuerliche Vergünstigungen für Firmenfahrzeuge.

In der vom NDR-Journalisten Ingo Schaar moderierten Podiumsdiskussion gab Andreas Hein, Experte der Automobilwirtschaft und energiepolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, ein klares Bekenntnis zur Elektromobilität ab: „Wir glauben bei der CDU in Schleswig-Holstein an die Elektromobilität und wollen sie befeuern.“ Sie sei auch für Flächenländer wie Schleswig-Holstein eine große Chance. Im Gegensatz zur Stadt könne man sein Fahrzeug problemfrei zu Hause laden. Auch Tobias Goldschmidt, schleswig-holsteinischer Staatssekretär im Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt, Natur und Digitalisierung, pflichtete dem bei. „Wir brauchen eine Verkehrswende, für saubere Luft und den Klimaschutz. Das Land ist deshalb dabei, die Ladesäuleninfrastruktur auszubauen, vor allem an Landesliegenschaften und in den Kommunen. Das ist als Grundlage für eine Umstellung auf Elektromobilität entscheidend. Wir haben auch verabredet, in dieser Legislaturperiode zehn Millionen Euro zusätzlich in Investitionen im Bereich der Elektromobilität und für neue Mobilitätsformen einzusetzen. Wir müssen hier vorankommen.“

Für Flensburgs IHK-Präsident Uwe Möser hat die Automobilindustrie vermutlich den Zeitpunkt verpasst, frühzeitig einen angebotsorientierten Markt aufzubauen. Jetzt muss die Automobilindustrie einen Schwenk zur Elektromobilität vollziehen. Ein großer Teil der klassischen Wertschöpfung wird sich dadurch verändern, da zum Beispiel viele aktuelle Komponenten in einem Elektroauto nicht mehr gebraucht werden. Dies wird ein schwieriger Prozess, der vermutlich auch zu Arbeitsplatzverlusten führen wird. Die Elektromobilität bietet aber auch Chancen für neue Bereiche in der Automobilindustrie und in anderen Sektoren, insbesondere im Zusammenhang mit der Digitalisierung und dem autonomen Fahren. „Die Verkehrskonzepte, wie wir sie heute kennen, werden sich deutlich von denen in der Zukunft unterscheiden“, so Möser.

Damit die Elektromobilität einen wesentlichen Beitrag zum Klimaschutz bringen kann, ist es wichtig, den Ausbau der Erneuerbaren Energien voranzutreiben. Auch hier ergeben sich noch große Herausforderungen. „Derzeit kommen nur 15 Prozent des Stromaufkommens aus Erneuerbaren Energien. Das ist deutlich zu wenig“, stellte Goldschmidt klar. Hier müssten die Ausschreibemengen für den Ausbaupfad deutlich erhöht werden, um auch die E-Mobilität voranzutreiben. Außerdem behinderten die Begrenzungen das Erreichen der postulierten Klimaschutzziele.

Ove Petersen, Geschäftsführer der GP Joule - eines Mittelständlers im Bereich Erneuerbare Energien, forderte die Interessenverstreter auf dem Podium dazu auf, deutlich mehr für den Ausbau der Ladeinfrastruktur zu tun. Er sei der „wesentliche Schlüssel für die Etablierung der Elektromobilität“, so Petersen. Eine gute Ladeinfrastruktur ermögliche die Nutzung kleineren Batterien und damit Elektroautos zu geringeren Preisen. Hier sieht Goldschmidt jedoch die Verantwortung auch bei Wirtschaft und Industrie. Der Staat sei nicht dazu zuständig, die Ladeinfrastruktur zu subventionieren. „Das heutige Tankstellennetz wurde schließlich auch ohne Subventionen aufgebaut“, so der schleswig-holsteinische Staatssekretär.

Beim Thema steuerliche Vergünstigungen für E-Firmenfahrzeuge verwies Hein auf die hohen Listenpreise der Fahrzeuge. Für Mitarbeiter gebe es deshalb im steuerlichen Bereich keinen Anreiz, ein Elektrofahrzeug zu kaufen. Hier sieht er dringenden Handlungsbedarf.

Allgemein äußerten sich die Experten positiv zur Entwicklung der Elektromobilität. Doch neben IHK-Chef Möser forderte auch Staatssekretär Goldschmidt, offen für weitere Technologien zu bleiben. Petersen hingegen ist der festen Überzeugung, dass „sich Elektroautos viel schneller etablieren, als viele denken.“