IDW veröffentlicht fachlichen Hinweis zu den Auswirkungen des Ukraine-Krieges auf die Rechnungslegung und deren Prüfung – Auswirkungen des Ukraine-Kriegs auf die Abschlussprüfung

Viele Jahres- und Konzernabschlüsse mit Bilanzstichtag 31.12.2021 sind derzeit noch nicht oder noch nicht abschließend aufgestellt und geprüft bzw. festgestellt oder gebilligt. Dieser Blog greift die in dem Fachlichen Hinweis zu den Auswirkungen des Ukraine-Krieges auf Rechnungslegung und Prüfung des Instituts der Wirtschaftsprüfer in Deutschland e.V. (IDW) vom 08.03.2022 genannten Aspekte zur Abschlussprüfung auf. Die Aspekte zur Rechnungslegung nach HGB und IFRS stellen wir Ihnen in unseren weiteren Blogs dar.

Das IDW gibt folgende Hinweise zu den Auswirkungen des Ukraine-Kriegs auf die Abschlussprüfung:

  • Erhöhte Risiken wesentlicher falscher Darstellungen

Durch den Krieg in der Ukraine können sich zusätzliche Risiken wesentlicher falscher Darstellungen aufgrund von Irrtümern bzw. dolosen Handlungen für den Abschluss und den Lagebericht ergeben. Für Abschlüsse mit Stichtag am 31.12.2021 betreffen diese Risiken insbesondere die Darstellung von Ereignissen nach dem Bilanzstichtag im Nachtragsbericht im Anhang sowie die Prognose- und Risikoberichterstattung im Lagebericht. Darüber hinaus können aus dem Ukraine-Krieg Risiken in Bezug auf Fortführung der Unternehmenstätigkeit resultieren. Der Abschlussprüfer hat die Faktoren für ein mögliches erhöhtes Risiko zu beurteilen und im Rahmen seiner Prüfung durch geeignete Prüfungshandlungen zu adressieren.

  • Auswirkungen von Ereignissen nach dem Bilanzstichtag

Die potenziellen Auswirkungen aus dem Krieg in der Ukraine auf die Rechnungslegung sowie die Berichterstattung im Prüfungsbericht und Bestätigungsvermerk sind zu würdigen und durch geeignete Prüfungshandlungen festzustellen. Gleichzeitig ist sicherzustellen, dass der nach dem Abschlussstichtag erfolgte Einmarsch der russischen Streitkräfte in der Ukraine in der Bilanz- und GuV nicht berücksichtigt ist (wertbegründendes Ereignis), es sein denn die Ereignisse führen zu einer notwendigen Abkehr von der Going-Concern Prämisse (vgl. IDW RS HFA 17, Tz. 2, i.V.m. IDW PS 203 n.F., Tz. 9).

Bei Konzernabschlussprüfungen ist sicherzustellen, dass auch die Teilbereichsprüfer die relevanten Ereignisse feststellen, würdigen und an den Konzernabschlussprüfer berichten.

  • Beurteilung der Angemessenheit der Going-Concern Annahme

Die aufgrund der dynamischen Entwicklungen und unklaren Folgen des Ukraine-Krieges vorliegenden Unsicherheiten begründen alleine kein Prüfungshemmnis hinsichtlich der zukunftsbezogenen Sachverhalte im Abschluss bzw. der prognostischen Angaben im Lagebericht. Ein Prüfungshemmnis dagegen kann vorliegen, wenn der Abschlussprüfer keine ausreichenden geeigneten Prüfungsnachweise zu den von den gesetzlichen Vertretern getroffenen Annahmen erlangen kann.

Diese Annahmen müssen ausreichend begründet sein und der Abschlussprüfer muss würdigen, ob sie u.a. auf aktuellen Informationen basieren, konsistent sind mit den für andere Zwecke getroffenen Annahmen und ob die vom Management getroffenen Maßnahmen mit den Annahmen in Einklang stehen.

Ein Verzicht auf eine Einschätzung der gesetzlichen Vertreter hinsichtlich der Fähigkeit des Unternehmens zur Fortführung der Unternehmenstätigkeit ist trotz der aufgrund des Ukraine-Kriegs bestehenden Unsicherheiten über dessen Auswirkungen nicht zulässig. Sind die gesetzlichen Vertreter auch nach Aufforderung durch den Abschlussprüfer nicht bereit, eine Einschätzung zur Fahrigkeit der Unternehmensfortführung vorzunehmen, hat der Abschlussprüfer die Auswirkungen auf seinen Bestätigungsvermerk abzuwägen und es kann ein eingeschränktes Prüfungsurteil oder die Erklärung der Nichtabgabe eines Prüfungsurteils zum Abschluss und – falls einschlägig – dementsprechend zum Lagebericht sachgerecht sein.

  • Hinweise auf bestandsgefährdende Risiken im Bestätigungsvermerk

Bestandsgefährdende Risiken liegen vor, wenn wesentliche Unsicherheiten im Zusammenhang mit der Fortführung der Unternehmenstätigkeit bestehen, aber dennoch ein Abschluss unter Zugrundelegung der Going-Concern-Annahme aufgestellt werden kann. Besteht aufgrund des Ukraine-Krieges oder seiner Auswirkungen eine wesentliche Unsicherheit, ist der Abschlussadressat darüber im Abschluss und - sofern einschlägig – im Lagebericht angemessen zu informieren. Der Abschlussprüfer weist in seinem Bestätigungsvermerk in einem gesonderten Abschnitt auf die Unsicherheit hin.

  • Entwicklungsbeeinträchtigende Tatsachen

Neben bestandsgefährdenden Risiken hat der Abschlussprüfer auch über entwicklungsbeeinträchtigende Tatsachen zu berichten, d.h. über Tatsachen, die die Entwicklung des Unternehmens wesentlich beeinträchtigen, ohne bereits zu einer Bestandsgefährdung zu führen. Eine trennscharfe Abgrenzung von bestandsgefährdenden Risiken und entwicklungsbeeinträchtigenden Tatsachen ist nicht immer möglich und stets eine Einzelfallbetrachtung. Im Unterschied zur Berichterstattung über bestandsgefährdende Risiken erfolgt die Berichterstattung über entwicklungsbeeinträchtigende Tatsachen durch den Abschlussprüfer ausschließlich im Prüfungsbericht.

  • Berichterstattung über Key Audit Matters (KAM) im Bestätigungsvermerk

Aus den aktuellen Ereignissen des Ukraine-Krieges kann sich ein besonders wichtiger, im Bestätigungsvermerk zu berichtender, Sachverhalt (Key Audit Matter) ergeben, also ein Sacherhalt, der nach pflichtgemäßem Ermessen des Abschlussprüfers in der Abschlussprüfung am bedeutsamsten war. Bei Prüfungen von Abschlüssen mit dem Stichtag 31.12.2021 können beispielsweise Ereignisse und Gegebenheiten, die bedeutsame Zweifel an der Fähigkeit zur Fortführung der Unternehmenstätigkeit aufwerfen, solch ein KAM sein.

  • Hinweis zur Hervorhebung eines Sachverhalts im Bestätigungsvermerk

Die Aufnahme eines Hinweises zur Hervorhebung eines bereits im Abschluss, im Lagebericht oder in einem sonstigen Prüfungsgegenstand dargestellten oder angegebenen Sachverhalts ist grundsätzlich notwendig, wenn der Abschlussprüfer es für notwendig erachtet, auf den Sachverhalt hinzuweisen, weil dieser von grundlegender Bedeutung für das Verständnis des Prüfungsgegenstandes ist.

Ein Hinweis zur Hervorhebung eines Sachverhalts darf nicht gemacht werden anstelle einer notwendigen Einschränkung oder Versagung des Prüfungsurteils, eines Hinweises auf bestandsgefährdende Risiken, einer Berichterstattung über Key Audit Matters oder wenn der Sachverhalt einen Prüfungsgegenstand betrifft, über den nur im Prüfungsbericht zu berichten ist.

Im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg kann der Abschlussprüfer einen solchen Hinweis für notwendig erachten, wenn die Angaben im Nachtragsbericht bzw. im Prognose- und Risikobericht von grundlegender Bedeutung für das Verständnis des Abschlusses bzw. Lageberichts sind, z.B. wenn die Auswirkungen auf die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage stark von dem weiteren Kriegsgeschehen abhängen und erhebliche Unsicherheiten verbleiben.

  • Kommunikation mit dem Aufsichtsorgan

Die mit dem Aufsichtsorgan zu kommunizierenden Sachverhalte sind stark abhängig von der Bedeutsamkeit der Ereignisse in der Ukraine für die Geschäftstätigkeit des Unternehmens. Sie können beispielsweise Auswirkungen auf die Prüfungsplanung und -durchführung betreffen, die Berichterstattung über wesentliche Probleme bei der Erlangung von Prüfungsnachweisen, potenziell bestandsgefährdende Risiken, Auswirkungen, die potenziell KAMs darstellen oder auch solche Sachverhalte, auf die der Abschlussprüfer beabsichtigt, im Bestätigungsvermerk besonders hinzuweisen.

  • Ereignisse nach der Erteilung des Bestätigungsvermerks

Nach Erteilung des Bestätigungsvermerks ist der Abschlussprüfer grundsätzlich nicht verpflichtet, weitere Prüfungshandlungen zum Abschluss und Lagebericht durchzuführen.

Entscheiden jedoch Unternehmensorgane, den Abschluss und/oder Lagebericht zu ändern, z.B. aufgrund von Umständen, die von erheblicher Bedeutung für das geprüfte Unternehmen sind, so ist der geänderte Abschluss/Lagebericht einer Nachtragsprüfung zu unterziehen, soweit die Änderung reicht.
Darüber hinausgehende Prüfungshandlungen und eine Aktualisierung der Going Concern Beurteilung durch den Abschlussprüfer sind im Rahmen der Nachtragsprüfung nur dann notwendig, wenn die Auswirkungen der seit dem vorherigen Bestätigungsvermerksdatum eingetretenen Kriegsereignisse Anhaltspunkte dafür geben, dass eine Bilanzierung unter Annahme der Unternehmensfortführung nicht mehr angemessen ist oder bestandsgefährdende Risiken darstellen.