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Blickpunkt: Bewertung von Rückstellungen im aktuellen Niedrigzuinsumfeld

14. April 2016

Einleitung

Aktuell verfügbare Gelder haben einen höheren Wert als erst in der Zukunft eingehende bzw. auch umgekehrt: Sofort zu leistende Zahlungen haben einen höheren Belastungswert als zukünftige. Dieser Zusammenhang wird als Zeitwert des Geldes (time value of money) bezeichnet. Für langfristige Rückstellungen ergibt sich hieraus die Forderung nach dem Ansatz von Barwerten. Die Bewertung von langfristigen Rückstellungen ist seit Jahren ein abschlusskritisches Dauerthema. Die Diskussion beschränkt sich in der Öffentlichkeit aber hauptsächlich auf das Thema der Pensionsrückstellungen. Hierbei wird seit Jahren der Referenzwert bzw. die Bemessungsgrundlage nach IAS 19.83 diskutiert, wonach zur Diskontierung am Bewertungsstichtag ein Zinssatz heranzuziehen ist, der sich an den Renditen bemisst, die für erstrangige festverzinsliche lndustrieanleihen (high quality corporate bonds) am Markt erzielt werden. Ähnlich wie bei Pensionsrückstellungen macht auch den Unternehmen mit langfristigen sonstigen Rückstellungen im Kontext von IAS 37 das derzeitige Zinsumfeld in Europa stark zu schaffen, da die niedrigen Zinssätze und die Gesetze der Mathematik unweigerlich zu steigenden Rückstellungsbeträgen beim Unternehmen führen. Dieses Thema gewinnt letztlich auch dadurch an Relevanz, da der Einfluss der Finanzmarktbedingungen ein DPR- und ESMA-Prüfungsschwerpunkt für das Jahr 2016 darstellt. In diesem Kontext gibt es eine Vielzahl von Einzelfragestellungen, z.B. zur Einbeziehung von Kosten- und Preisänderungen, wobei nachfolgend nur der Frage nach der (Nicht-)Berücksichtigung des unternehmensspezifischen Ausfall- bzw. Leistungsrisikos (own credit risk oder performance risk) nachgegangen wird. Wäre ein Einbezug möglich, könnte durch den Einbezug des eigenen Ausfall- bzw. Leistungsrisikos in die Ermittlung des Abzinsungssatzes gerade der Diskontierungseffekt verstärkt werden und somit, zu Lasten künftiger Perioden, eine Entlastung der Aufwandsseite – durch eine niedrigere Rückstellung - für die aktuelle Periode erreicht werden.

Grundlagen von IAS 37

Die Bewertungsgrundlage einer Rückstellung ist die bestmögliche Schätzung, mit der am Bilanzstichtag nach IAS 37.37 der (Verpflichtungs-)Betrag reguliert werden kann und zwar entweder durch Erfüllung oder fiktive Übertragung. Gemäß IAS 37.45 sind bei wesentlichem time-value-of-money-Effekt, i.d.R. also bei langfristigen Rückstellungen, die erwarteten Ausgaben der bestehenden Verpflichtung abgezinst zu erfassen. Finanzmathematisch wiegt die wirtschaftliche Belastung umso weniger schwer je weiter der Erfüllungszeitpunkt in der Zukunft liegt (IAS 37.46), was durch die Diskontierung der Verpflichtung ausgedrückt werden soll. Nach IAS 37.47 sind die schuldspezifischen Risiken (risks specific to the liability) entweder im Zinssatz oder in der Zahlungsreihe zu berücksichtigen.

Berücksichtigung des Ausfallrisikos bei der Abzinsung?

Die Ausgangsbasis für den anzuwendenden Zinssatz bildet der gegenwärtige Marktzins für risikofreie Anlagen mit einer laufzeitäquivalenten Restlaufzeit bzgl. der noch zu erfüllenden Verpflichtung. Damit wird zumeist auf die Rendite laufzeitäquivalenter Staatsanleihen am Bewertungsstichtag abgestellt. Die weitere Anpassung erfolgt im Rahmen von Risiken, die nicht bereits im Zahlungsstrom berücksichtigt worden sind. Es ist allerdings unklar, ob in der weiteren Anpassung auch allgemeine credit spreads für den Bonitätsunterschied zwischen Staatsanleihen und Industrieanleihen aufzuschlagen sind. Der Standard äußert sich nicht dazu, ob in dem Diskontierungszinssatz auch die eigene Bonität des Unternehmens einzubeziehen ist (own credit risk). Gleichwohl hat eine Anfrage an das IFRS IC aus 2011 ergeben, dass wohl eine Vielzahl an Unternehmen, die nach IFRS bilanzieren, das own credit risk in der Bemessung des Diskontierungszinses berücksichtigen („several companies [utilizing IFRS] have explicitly stated that they are using a discount rate that includes the company’s own credit risk“) (so im Staff Paper March 2011, S. 2). Aufgrund dieser diversity in practice war das IFRS IC (eigentlich) gefordert, eine Klarstellung zu liefern. Im März Update 2011 wurde jedoch nur folgende agenda rejection verlautbart: „The Committee observed that paragraph 47 of IAS 37 states that ‘risks specific to the liability’ should be taken into account in measuring the liability.

The Committee noted that IAS 37 does not explicitly state whether or not own credit risk should be included. The Committee understood that the predominant practice today is to exclude own credit risk, which is generally viewed in practice as a risk of the entity rather than a risk specific to the liability. The Committee also noted that this request for guidance would be best addressed as part of the Board’s project to replace IAS 37 with a new liabilities standard […] For this reason, the Committee decided not to add this issue to its agenda.”

Folgerung aus der agenda rejection

Das IFRS IC traf die Feststellung, dass es wohl (in 2011) vorherrschende Praxis war, das own credit risk nicht zu berücksichtigen. Ein generelles „Verbot“ des Einbezugs geht damit nicht explizit einher. Auch wirkt die eigentliche Begründung der Nichtaufnahme mit Verweis auf das - mittlerweile nicht mehr aktiv verfolgte - Projekt zur Ersetzung des IAS 37 aufschiebend. Aus dem nicht mehr weiter verfolgten exposure draft zum Projekt measurement of liabilities (ED/2010/01.B8) könnte geschlussfolgert werden, dass aus einer einzunehmenden Marktsicht ein solcher Aufschlag notwendig wäre. Eine weitere – weniger spekulative – Lehre lässt sich u.E. aber nicht ziehen, da zum einen lediglich ein Verweis auf die Beratungen vorliegt, zum anderen aber auch die Projekte zu IAS 37 sowie zum Folgeprojekt zur Bewertung seit zehn bzw. fünf Jahren keinen nennenswerten Fortschritt mehr erfahren haben. Das Problem bzw. die Fragestellung ist jedoch akuter denn je. Somit verbleibt nur die Möglichkeit einer eigenen Interpretation.

  • Stellt man auf den Wortlaut von IAS 37.47 ab, dann spricht dies gegen eine Berücksichtigung, da nur „risks specific to the liability“ und nicht „risks specific to the entity“ berücksichtigt werden dürfen. Die Verwendung eines bonitätsabhängigen Zinssatzes stünde daher im Widerspruch zum Wortlaut von IAS 37.47.
  • Auch das im Endeffekt ergebnislose Diskussionspapier DP/2009/2 zur Berücksichtigung von Ausfallrisiken bei Schulden sah bei der Barwertermittlung von Rückstellungen eine Berechnung ohne Ausfallrisiko vor (Staff Paper zu DP/2009/2 Tz. 62(c)).

Bei der nach IAS 37.37 fiktiv zu prüfenden Übernahme der Verpflichtung durch einen Dritten wird dieser ein Entgelt fordern, welches den Erwartungswert und die Variabilität des Risikos unter Berücksichtigung des Zeitwerts des Geldes vergütet. Das vereinnahmte Entgelt kann der Dritte risikolos anlegen oder zur Substitution sonst notwendiger Fremdfinanzierung verwenden. Aus der Anlageperspektive wäre der risikolose Zins, aus der Substitutionsperspektive der um den eigenen (oder durchschnittlichen) Bonitätszuschlag (credit spread) erhöhte Zins anzusetzen. Das Unternehmen kann bei der Bestimmung der für eine sofortige Schuldbefreiung bestehenden Zahlungsbereitschaft ein ähnliches Kalkül anwenden: Das gezahlte Entgelt kann nicht mehr risikolos angelegt bzw. muss fremdfinanziert werden. Aus der Perspektive entgehender Anlagemöglichkeiten wäre der risikolose Zins, aus der Perspektive der Fremdfinanzierung der um den eigenen, bonitätsabhängigen credit spread erhöhte Zins anzusetzen. Allerdings führt letzteres zu keiner eindeutigen Lösung, da nicht klar ist, wessen Bonität (eigene oder die marktbezogener Dritter) heranzuziehen ist. Insofern führt nur die Berücksichtigung des risikolosen Zinssatzes zu einem eindeutigen Ergebnis.

Zusammenfassung

Die aktuellen Diskussionen zur Bewertung von Rückstellungen werden aufgrund der anhaltenden Zinstalfahrt nicht verstummen. Abseits des Einbezugs von Ausfallrisiken werden sicher auch noch weitere Möglichkeiten zur Zinssatzadjustierung - i.S.e. Erhöhung für die Abzinsung von Verpflichtungen - ausfindig gemacht werden, deren Einsetzbarkeit ebenfalls kritisch hinterfragt werden muss (z.B. keine Zulässigkeit der Durchschnittsbildung bei Zinssätzen). Solange sich der IASB hinsichtlich der Bewertung von Rückstellungen nicht äußert und damit zur Klärung beiträgt, wird allerdings Raum für eine mögliche diversity in practice bleiben.